Salzburg/Gmunden. Ein Team um den Salzburger Gerichtsmediziner Fabio Monticelli hat eine neue Methode zur genaueren Eingrenzung des Todeszeitpunkts entwickelt. Während das Verfahren derzeit nur in speziellen Fällen zur Anwendung kommt, könnte es in Zukunft eine wichtige Lücke in der Forensik schließen: Derzeit lässt sich der ungefähre Todeszeitpunkt entweder nur ganz früh oder relativ spät nach dem Tod eingrenzen.

Anfang Jänner 2016 waren im Traunsee (OÖ) zwei Koffer mit Leichenteilen einer Frau gefunden worden. Kurz darauf stießen Taucher der Spezialeinheit Cobra am Seegrund auf eine männliche Leiche, an deren Handgelenken mit Kabelbindern Taschen mit Granitsteinen befestigt waren. Wie sich später herausstellte, handelte es sich bei den Toten um ein Ehepaar aus dem deutschen Bundesland Hessen. Der 72-jährige Mann hatte seine um ein Jahr jüngere Frau erdrosselt und anschließend Selbstmord begangen.

"Die Obduktion lieferte wichtige Hinweise, um den Tathergang zu rekonstruieren. Es war zunächst völlig offen, wer zuerst starb oder ob die beiden gleichzeitig zu Tode kamen", berichtete Monticelli. Dazu wandten die Gerichtsmediziner erstmals das neue Verfahren in der Praxis an. "Unsere Methode ist für solche Fälle geeignet, bei denen es mindestens zwei Leichen gibt, die gleichen Bedingungen ausgesetzt sind, und gleichzeitig etablierte Methoden nicht zum Einsatz kommen können."

Bei den beiden im Traunsee gefundenen Leichen war etwa wegen der niedrigen Wassertemperaturen noch keine Fäulnis aufgetreten. Auch die Messung der Körpertemperatur schied durch die Auffindung im See aus. "Zugleich entstehen im Wasser Totenflecken, die nicht für eine Todeszeitpunktschätzung herangezogen werden können", sagte Monticelli. Nicht zuletzt waren bei der Frau auch die Extremitäten abgetrennt worden. "Die Totenstarre konnte so nicht geprüft werden."

Darum verglichen die Gerichtsmediziner den Abbauprozess von Proteinen im Skelettmuskel - eine Methode, die Monticelli in einer Arbeitsgruppe gemeinsam mit den beiden Salzburger Zellbiologen Peter Steinbacher und Stefan Pittner entwickelt hat. "Diese Proteine bauen sich nach einem bestimmten Muster ab", erklärte er. Durch den Vergleich des Degradationszustandes der Skelettmuskelproteine stellten sie fest, dass die Frau deutlich länger tot war als der Mann. Der Kriminalfall konnte letztlich geklärt werden: Der Mann hatte seine Ehefrau bereits in Deutschland getötet, die Leiche zerstückelt und nach Österreich gebracht, wo er sie im Traunsee versenkte und später selbst Suizid beging.

Wie Monticelli zur APA sagte, sei es das Ziel, die Methode in Zukunft auch auf einzelne Leichen anwenden zu können. Dazu sei aber weitere Forschung notwendig. Darum hat die Arbeitsgruppe eine Kooperation mit dem größten gerichtsmedizinischen Instituts Südkoreas eingefädelt, um das Projekt voranzutreiben. "Wir wollen so eine methodische Lücke schließen, die es im Moment gibt", erklärte Monticelli. Denn mit dem derzeitigen Wissensstand seien die Gerichtsmediziner nur in der Lage, den ungefähren Todeszeitpunkt entweder ganz früh oder vergleichsweise spät nach dem Tod einzugrenzen. Im sogenannten intermediären postmortalen Intervall sei der Todeszeitpunkt schwer eruierbar.

Eine häufig angewandte Standardmethode basiere etwa auf dem Abkühlungsverhalten eines Körpers nach dem Tod oder auf der Untersuchung supravitaler Reaktionen. "Ab zwölf bis 24 Stunden nach dem Tod, je nach den äußeren Bedingungen, sind diese Methoden aber nicht mehr einsetzbar", so Monticelli. Dann gebe es eine Lücke von mehreren Tagen. "Später greift dann die Forensische Entomologie, bei der die Liegezeit einer Leiche auf Basis der Entwicklungsstadien von Insekten, die die Leiche besiedelt haben, bestimmt wird."

Doch genau die methodische Lücke dazwischen sei in der Forensik relevant, weil die meisten Auffindungen von Leichen in den zehn Tagen nach dem Tod passieren. Den Todeszeitpunkt auf die Minute genau festzustellen sei aber nach wie vor nicht möglich. "Wir können aber den Todeszeitraum eingrenzen." Monticelli ist seit 1. Jänner 2017 der Leiter der Gerichtsmedizin Salzburg und der Nachfolger der weit über Salzburgs Grenzen hinaus bekannten Gerichtsmedizinerin Edith Tutsch-Bauer.