Wien. Als Begründer der Logotherapie und der Existenzanalyse hat er zeit seines Lebens die Frage nach dem Sinn in den Mittelpunkt gestellt. Heute, Samstag, jährt sich der 20. Todestag des großen österreichischen Neurologen und Psychiaters Viktor Frankl. Über die Bedeutung der Dritten Wiener Psychotherapeutischen Schule nach Sigmund Freud und Alfred Adler für die heutige Zeit hat die "Wiener Zeitung" mit dem Kärntner Psychotherapeuten und Sachbuchautor Helmut Graf gesprochen.

"Wiener Zeitung": Welche Relevanz hat Viktor Frankl heute?

Helmut Graf: Hinter dieser Frage steckt jene, wie wir den Menschen heute sehen wollen. Sehen wir ihn triebgesteuert, als Wesen, das keine Freiheit hat, anders zu tun und anders zu denken als das, was das Kollektiv ihm heute vorgibt, wie es Sigmund Freud meinte. Oder sehen wir, wie Frankl, die geistige Ebene des Menschen, in der er Freiheit erfährt. Diese Bedeutung des ganzheitlichen Menschenbildes hat Frankl geprägt. Das heißt, wir sind nicht nur Opfer, sondern haben und können auch auf heutige Herausforderungen antworten. Es liegt in unserer Entscheidung.

Das Menschenbild ist demnach die Grundvoraussetzung. Die äußeren Einflüsse auf den Menschen sind dennoch vorhanden und haben sich im Laufe der Zeit scheinbar verändert. Haben sie sich tatsächlich verändert?

Von den Grundvoraussetzungen nicht, es sind nur die Fakten andere geworden. Stellen wir uns Viktor Frankl nach dem Zweiten Weltkrieg im zertrümmerten Österreich vor. Damals wusste man nicht, wie es weitergeht. Aber auch heute befinden wir uns in einem Provisorium. Übertragen wir das in das Wirtschaftsdenken. Salopp gesagt, was am Vormittag auf CEO-Ebene ausgemacht wird, ist am Nachmittag nicht mehr gültig. Wir müssen angeblich so flexibel sein. Natürlich brauchen wir die Fähigkeit, rasch auf Veränderungen der Zeit zu reagieren. Andererseits brauchen wir auch ein Grundbedürfnis an Stabilität. Genau in diesem Spannungsfeld müssen wir die provisorische Daseinshaltung auflösen. Und wenn ich einen Sinnhintergrund in meinem Leben habe, kann ich mit einem solchen Provisorium leichter leben.

Einer Umfrage zufolge glaubt fast die Hälfte der Österreicher, dass es in den nächsten zehn Jahren in Österreich keine Verbesserung geben kann. Wie konstruktiv ist diese Einstellung?