Wien. Nicht selten entfährt dem echten Wiener ein mehr oder weniger deftiger Ausspruch. Einer Studie der Germanistin Oksana Havryliv zufolge wollen die wenigsten damit aber wirklich beleidigen. Im Zunehmen ist demnach das Schimpfen, um sich abzureagieren. Scherzhaft-kosendes Fluchen à la "Heast, du Wappler!" sei aber seltener geworden.

Ein herzhafter Kraftausdruck sei entgegen vielen Annahmen nicht unbedingt dazu gedacht, einem Gegenüber eine Kränkung oder Beleidigung auszurichten. Viel häufiger gehe es dabei um eine reinigende Funktion. Belege für diese Hypothese sammelt die gebürtige Ukrainerin Havryliv seit 2006 in Wien mit ihrem ergiebigen Schimpfwort-Reservoir.

Möchte man tatsächlich etwas über das Fluchen herausfinden, müsse man sich dem Dialekt zuwenden, "denn der ist den Sprachträgern emotional einfach näher", so die Forscherin vom Institut für Germanistik.

In zwei vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Untersuchungen im Verlauf von sieben Jahren zeigte sich, dass die gängige Sprachpraxis vor allem "produktive Aspekte" und weniger destruktive Züge aufweist. In beiden Studien wurden je 36 Interviews geführt und 200 Fragebögen von Personen ausgewertet, die den größten Teil ihres Leben in Wien waren. Erstaunlicherweise lag der Anteil jener, die angaben, tatsächlich eine gewalttätige oder beleidigende Intention zu verfolgen, jeweils bei exakt elf Prozent. Bei weitem häufiger wird geschimpft, um negative Emotionen loszuwerden. Dieser Anteil stieg von 64 auf 73 Prozent.

Weniger scherzhaftes Fluchen

Eher scherzhaft gemeinte Kraftausdrücke kommen Wienern mittlerweile etwas weniger leicht über die Lippen. "Jetzt trauen sie sich das weniger, weil sie nicht wissen, wie Leute aus anderen Kulturen darauf reagieren", sagte Havryliv. Manche Befragte fürchteten sogar, dass aus dem Unverständnis ein Streit entstehen könnte.

Mit politischer Korrektheit habe das weniger zu tun. Deren Auswirkung zeige sich eher unter Schülern. Mittlerweile würden Mitschüler zwar weniger häufig aufgrund ihrer Herkunft beschimpft, "aber Schimpfwörter, die auf geistige oder körperliche Besonderheiten abzielen, wie ‚Behinderter‘ oder ‚Opfer‘, haben zugenommen", sagte Havryliv.

Unterschiede zwischen Mann und Frau ergaben sich laut Studie nur wenige. Salopp gesagt, zeigte sich jedoch, dass Frauen etwas vielfältiger und auf bestimmte Anlässe hin gezielter schimpfen. Was die angegebene Häufigkeit der verwendeten Wörter betrifft, setzen die Wiener auf Altbewährtes: Deutlich am häufigsten werden Klassiker wie "Arschloch", "Trottel" oder "Idiot" gebraucht. Um die Wiener Schimpfkultur brauche man sich demnach keinesfalls Sorgen machen.