Potsdam/Wien. (apa/est) Hell, energiesparend, preiswert: LED-Licht erobert die Welt der künstlichen Beleuchtung. Wohnzimmerlampen, Schaukästen, Weihnachtsdekorationen und Straßenbeleuchtungen werden umgerüstet - etwa will Wien bis 2020 die 50.000 Wiener Seilhängelampen getauscht und durch die klimafreundlicheren, wartungsärmeren LED-Leuchten (Light Emitting Diodes) ersetzt haben.

Anders als die herkömmliche alte Glühbirne mit ihrem warmen, langwelligen Licht, beeinträchtigen die kaltweißen LED jedoch den Tag- und Nachtrhythmus höherer Wirbeltiere und Menschen mit ihrem hohen Anteil an kurzen, blauen Wellen. "Viel zu viel Licht, das nicht immer notwendig ist", sagt der Wissenschafter Christopher Kyba vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam.

Unter Kybas Leitung entstand eine im Fachjournal "Science Advances" veröffentlichte Studie, wonach die Umrüstung auf LED-Beleuchtung zu einer steigenden Lichtverschmutzung führt. Satellitenaufnahmen belegen die Befürchtung, dass es auf der Erde immer heller wird.

Die Forscher haben die Entwicklung der Lichtabstrahlung von 2012 bis 2016 verfolgt. Die Intensität des künstlichen Lichts habe zugenommen, die nachts beleuchteten Flächen hätten sich ausgedehnt, berichtet das Team: Seit 2012 wird es weltweit jedes Jahr um zwei Prozent heller. Global gesehen entspreche das Maß des Anstiegs dem Wachstum des Bruttonationaleinkommens.

Innere Uhr gestört

Für ihre Studie nutzten die Forscher ein Radiometer namens VIIRS (Visible/Infrared Imager Radiometer Suite), das Licht im sichtbaren und nahe dem Infrarotbereich erfasst. Es kreist seit Oktober 2011 auf dem Nasa-Satelliten Suomi-NPP um die Erde. Nach Angaben von Kyba entstanden besonders genaue Karten der Lichtverschmutzung. Der Kamera-Sensor könne aber Wellenlängen von unter 500 Nanometer nicht "sehen". Einige Städte erschienen daher dunkler, obwohl sie gleich hell oder heller strahlten - somit sei die reale Lichtverschmutzung stärker als in den Studiendaten.

Die Umrüstung könne die Lichtverschmutzung weiter in die Höhe treiben, warnen die Forscher. Während Glühbirnen eine Lebensdauer von 1000 Stunden haben, können LED-Lampen bis zu 100.000 Stunden lang strahlen. Die neue Lampen-Generation ist auch beim Energieverbrauch überlegen. Kommunen, Unternehmen und Haushalte haben vor allem Einsparungen an Kosten, Energie und CO2 im Blick, wenn sie sich für LED entscheiden. Doch je mehr der hellen Lampen gekauft würden, desto weniger würde gespart.

"Bei Mensch und Tier kann Licht die Innere Uhr durcheinanderbringen", betont Franz Hölker, Projektleiter beim Forschungsverbund Verlust der Nacht. LED-Licht am Abend gaukle dem Körper vor, es sei bereits Tag. Der Tag-Nacht-Rhythmus komme durcheinander. Es müsse über nachhaltigere Formen der Verwendung des Lichts nachgedacht werden.

Die Kommunen haben derzeit vor allem Einsparungen an Kosten, Energie und CO2 im Blick, betonte Friedrich Henckel, emeritierter Inhaber des Lehrstuhls Stadt- und Regionalökonomie an der Berliner Technischen Universität. Es müsse Lichtplanungsprojekte geben, in denen Sozialwissenschafter, Planer und auch Naturschützer zusammenarbeiten. An Ort und Stelle sollten sie das Thema gemeinsam angehen. Kyba sieht Möglichkeiten, dank moderner LED-Technik die Lichtemission um zwei Drittel zu senken, ohne dass Menschen das Gefühl haben, es wäre dunkler.

In Österreich sei die Lichtabstrahlung von 2012 bis 2016 um 50 Prozent angestiegen, interpretiert der Astronom und Leiter der Kuffner-Sternwarte in Wien, Günther Wuchterl, die Daten. Im Vergleich zu den meisten anderen erfassten Ländern seien das starke Anstiege. In Wien hätten sich im Beobachtungszeitraum die Werte sogar verdoppelt.

Einschränkend verweist er auf einen Hinweis der Studienautoren, dass Österreich im Oktober 2016 - es wurden in der Studie nur die Messergebnisse von wolkenfreien Oktobernächten herangezogen - Schnee hatte, was die Messergebnisse beeinflusst haben könnte. Während die Satelliten messen, was direkt nach oben gestrahlt wird, schauen sich Wuchterl und seine Kollegen auch an, was von Wolken und Atmosphäre wieder zurückgestrahlt wird.