Eine Art westliche Zivilisationskrankheit?
Es besteht kein Zweifel darüber, dass es schwere psychische Erkrankungen gibt. Aber ihre Natur bleibt unklar und ein Verständnis für ihren Platz in der Gesellschaft – und ihrer Bedeutung – fehlt immer noch, nicht zuletzt, weil viele Psychiater sich ungern an dieser Debatte beteiligen.Ein wichtiger Grund in der Prävalenz von Depressionen liegt in der Natur moderner Gesellschaften, die zunehmend individualisiert und von traditionellen Werten abgetrennt sind. Für viele Menschen kann das Leben erstickend und entrückt sein, trotz der vielen verschiedenen Menschen rundherum einsam, bedeutungslos und absurd. Indem unsere Gesellschaft ihre Not als psychische Störung kodiert, wird subtil impliziert, dass das Problem nicht in ihr selbst angelagert ist, sondern in den oft als zerbrechlich und versagend bezeichneten Individuen.

Depression ist kein Fall für den Arzt?
Das Konzept der Depression als psychische Störung kann für schwerere bis schwere Fälle, die behandelt werden müssen, hilfreich sein. Aber das gilt wahrscheinlich nicht für die Mehrzahl der Fälle, die meist mild oder kurzlebig sind und als zur menschlichen Natur zugehörig interpretiert werden können.

Viele verwenden den Begriff Depression, um sich auf normale Enttäuschungen oder Traurigkeit zu beziehen. Das Konzept der Depression wird somit als psychische Störung, also als eine biologische Erkrankung des Gehirns, unnötig überbeansprucht, indem alle Arten des menschlichen Leidens umfasst werden.

Ist es nicht gefährlich, seelische Not herunterzuspielen?
Indem man die Möglichkeiten betonen, die psychische Störungen beinhalten können, spielt man das Leiden durch psychische Belastung nicht herunter.. Man bietet vielmehr Licht am Ende des Tunnels an, ermöglicht Unterstützung, Empowerment und zeigt einen Weg, der auf wirkliche und dauerhafte Besserung abzielt.

Werden Traurigkeit oder Rückzug ausschließlich als psychische Störung oder als chemisches Ungleichgewicht im Gehirn gesehen, hindert das daran, Probleme und Lebenskrisen als Wurzel unseres Stresses zu identifizieren und anzusprechen. Viele Menschen ziehen eine solche Reduktion einer Auseinandersetzung mit existentieller Angst vor.

Stimmen Sie zu, dass heutzutage die Gründe für psychische Störungen weniger wichtig sind als der Konsens darüber, dass es eine Krankheit ist?
Die Gründe sind wichtiger als die Diagnose, denn sie weisen den Weg zur Genesung. Gleichzeitig kann eine Diagnose helfen, die Ursachen der Erkrankung herauszufinden, um damit beispielsweise den Betroffenen eine Psychotherapie ermöglichen. Allerdings führt eine Diagnose nur allzu oft zu einer Verschreibung von Antidepressiva, die den Eindruck erwecken kann, dass die Ursachen biologisch sind – womit die wahren Ursachen eben nicht identifiziert und behoben werden können. Darüber hinaus wird eine Diagnose mit Schwäche und Stigma assoziiert, während Depression in vielen Fällen einfach der menschlichen Natur entspringt.

Auch die Antipsychiatrie hat die psychiatrische Diagnose als nicht objektiv kritisiert.
Die Antipsychiatrie entwickelte sich in den 1960er und frühen 1970er Jahren. Sie entstand aus der Schwierigkeit, psychische Störungen zu definieren und zu diagnostizieren. Der Psychiater Thomas Szasz etwa meinte, dass das Etikett schwerer psychischer Störungen, insbesondere Schizophrenie, nur ein Versuch wäre, sozial unerwünschtes Verhalten zu behandeln und damit zu kontrollieren. Ihm zufolge sei "Schizophrenie" nicht anders als ein soziales Konstrukt, als ein geeignetes Etikett für eine Art von Denken und Verhalten, das die Gesellschaft als unangenehm oder zersetzend empfindet.