Also eine Pathologisierung gesellschaftlicher Missstände?
Michel Foucault bezeichnete "Wahnsinn" als soziales Konstrukt und die "Behandlung" als verschleierte Form der Bestrafung, wenn von sozialen Normen und Erwartungen abgewichen wird.Eine solche Sichtweise ist sicherlich verlockend. Aber die Ansprüche, dem Patienten zu helfen, wurden aber zunehmend zersetzt durch die Abneigung der Antipsychiatrie, die Not und das Leiden vieler Menschen mit schwerer psychischer Störung anzuerkennen, sowie das ganz reale Risiko, das sie selbst für ihre Sicherheit darstellen.

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Was ist von der Antipsychiatrie geblieben?
Anders als Foucault oder Szasz argumentierten die Psychiater RD Laing, Silvano Arieti und Theodore Lidz, dass psychische Störung eine nachvollziehbare Reaktion auf unmögliche Forderungen der Gesellschaft seien. Laing stellte elf Fallstudien von Menschen mit einer Diagnose von Schizophrenie vor und argumentierte, dass jeweils der Inhalt ihrer Aussagen und Handlungen im Kontext ihrer jeweiligen Lebenssituation überzeugend und aussagekräftig seien. Er leugnete nie die Existenz psychischer Störungen, sondern betrachtete sie einfach in einem radikal anderen Licht als seine Zeitgenossen. Für Laing war der Inhalt der psychotischen Erfahrung einer Person in eine rätselhafte symbolische Sprache gehüllt, die interpretiert und durchgearbeitet werden kann, anstatt sie als bedeutungsloses Charakteristikum einer Not oder Krankheit abzutun. So gesehen können Psychosen mit Wachträumen verglichen werden - oder allzu oft mit Albträumen.

Indem er dem Patienten dabei hilft, die psychotische Erfahrung zu verstehen, kann ein Psychiater helfen, dass sich der Patient weniger allein und entfremdet fühlt, die Quelle seiner Not erkennt und anspricht und dabei wichtige Einblicke in sich selbst zu gewinnen – sowie ins Leben allgemein. Mit anderen Worten: Der Psychiater kann eine psychotische Episode in eine transformative und therapeutische Reise umformen, ähnlich der, die ein Medizinmann oder der Schamane unternimmt.


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