Graz/Leiden. (apa/est) Nach drei Antibiotika-Kuren immer noch krank: Manche Bakterien sind kaum umzubringen. An sich können Antibiotika-Resistenzen in allen Bakterien entstehen. Da diese antibakteriellen Wirkstoffe jedoch heute bereits ins Tierfutter gemengt werden, damit das Vieh schneller wächst, entwickeln immer mehr Bakterien Abwehrmechanismen gegen sie. Damit sich die gefährlichen Erreger nicht irgendwann pandemieartig ausbreiten, arbeiten Mediziner weltweit intensiv an neuartigen Medikamenten, die diese Super-Keime in Schach halten.

Vor allem in Krankenhäusern treten pathogene Keime auf, die bereits gegen mehrere antibakterielle Substanzen resistent sind. Die Arzneistoffe haben gegen diese überaus widerstandsfähigen Erreger keine Chance mehr, wodurch über lange Zeit gut behandelbare Infektionen zu ernsthaften Bedrohungen für Patienten werden, erklärt Karl Lohner vom Institut für Molekulare Biowissenschaften der Universität Graz.

Lohner und sein Team wollen gemeinsam mit niederländischen Kollegen einen neuen, erfolgsversprechenden Wirkstoff gegen die besonders widerstandfähigen Erreger gefunden haben. Er beruht auf kleinen Eiweißen, die Peptide genannt werden und in ihrer ursprünglichen Form auch im menschlichen Körper vorkommen. Das Team berichtet über seine Entdeckung im Fachjournal "Science Translational Medicine".

Abwehrpeptide existieren etwa im Speichel, in der Tränenflüssigkeit, auf der menschlichen Haut oder in den weißen Blutkörperchen. Sie wirken antibakteriell. Ein in der Medizin bekannter Vertreter ist das Eiweißmolekül LL-37. Das Peptid aus der Gruppe der Cathelicidine wird in den Immunzellen erzeugt und ist ein Teil der angeborenen Immunantwort. Es richtet sich direkt gegen die Zellmembran (äußere Hülle) der Keime und kann deren mechanische Eigenschaften verändern, erläutert Lohner. Davon ausgehend stellte seine Kollegin Anna de Brej von der Universität Leiden neue synthetische Derivate namens "Synthetic antimicrobial and antibiofilm peptides" (SAAP) her. Im Labor testete sie, wie diese gegen Keime wirken. Eine Verbindung namens SAAP-148 zeigte besondere Wirksamkeit.

Wirksam gegen die geläufigsten multiresistenten Keime

"Das positiv geladene Peptid löst gleichsam die bakteriellen Zellmembranen auf, die aus negativ geladenen Phospholipiden bestehen. In Folge zerstört es die Bakterien", schildert Nermina Malanovic aus Lohners Grazer Arbeitsgruppe. Die Forscherin hat in einem EU-Projekt mit den niederländischen Kollegen den Wirkmechanismus der Substanz an künstlichen Zellmembranen getestet. "SAAP-148 war effizienter beim Abtöten von Bakterien unter physiologischen Bedingungen im Labor als viele aus präklinischen und klinischen Tests bekannte antimikrobielle Peptide", heben die Autoren hervor.

"Wir haben festgestellt, dass dieses Peptid auch bei Keimen von besonders geläufigen Bakteriengruppen, genannt "Eskape"-Erreger, die massiv für die steigenden Antibiotika-Resistenzen verantwortlich sind, eine effiziente Wirkung hat", betont Lohner.

Vor allem habe das Peptid SAAP-148 die multiresistenten Erreger abgetötet, ohne eine Resistenz hervorzurufen. Es eliminierte Bakterien, die bereits besonders widerstandsfähige Biofilme gebildet hatten, und beseitigte sogenannte persistierende Zellen. Nach einer vierstündigen Einwirkzeit mit einer Salbe, die SAAP-148 enthielt, wurden die gefürchteten multiresistente Keime in menschlichen und tierischen Gewebeproben "vollständig vernichtet", fassten die Autoren zusammen. Aus Sicht des Forscherteams zeigen die Daten, dass SAAP-148 "ein vielversprechender Medikamenten-Kandidat im Kampf gegen antibiotikaresistente Bakterien, die eine große Gefahr für die Menschheit darstellen", sei. "Wir sind jetzt wirklich sehr zuversichtlich", sagt Lohner. Ein Pharmaunternehmen aus dem EU-Projektkonsortium wolle nun die vorklinischen Studien abschließen und in Richtung klinische Tests gehen.