Wien. Farben lassen sich genau benennen. Die Menschheit kennt Begriffe für nahezu alle Pigmentmischungen - von Rot, Blau und Gelb über Orange oder Türkis bis hin zu Cobalt, Zyklam und Ocker. Anders verhält es sich bei Gerüchen. Etwas riecht herb oder süß, blumig, stechend, pudrig, lieblich, frisch oder abgestanden - oder nach etwas: nach Vanille, Zitrone, Staub oder Kaminfeuer. Mehr Begrifflichkeiten für Gerüche als die meisten westlichen Zivilisationen kennen die Jahai. Der Stamm lebt nach wie vor als Jäger und Sammler in Malaysien. Seine Mitglieder können Gerüche und Farben gleichermaßen präzise benennen.

Ein niederländisch-schwedisches Team wollte wissen, warum. Die Forscherinnen vermuteten, dass die spezielle Fähigkeit der Jahai mit ihrem Lebensstil zu tun haben könnte. Um eine objektive Antwort zu erhalten, befragte das Team die Mitglieder zweier Stämme im Regenwald auf der malayischen Halbinsel, die zuvor nicht in diesem Zusammenhang studiert worden waren.

Die Jäger-Sammler der Semaq Beri und die sesshaften Semelai, die Felder bebauen und mit landwirtschaftlichen Produkten Handel betreiben, bewohnen dasselbe Gebiet und sprechen verwandte Sprachen. "Wenn Geruchsnamen mit kultureller Praxis zusammenhängen, könnte man davon ausgehen, dass die Semaq Beri ähnlich wie die Jahai Gerüche präzise benennen, während die Semelai weniger Begriffe kennen", erläutern die Forscherinnen im Fachjournal "Current Biology".

Asifa Majid von der niederländischen Universität Radbound und Nicole Kruspe von Schwedens Universität Lund testeten den Sprachschatz von 20 Semaq Beri und 21 Semelai. Die Probanden mussten an Orangen, Leder, Zimt, Pfefferminze, Bananen, Zitronen, Lakritze, Terpentin, Knoblauch, Äpfeln, Ananas, Rosen, Anis und Fisch riechen. Zum Vergleich bekamen sie 80 Farbmuster in 20 Schattierungen und vier Farbstärken präsentiert. Sie mussten beides benennen.

Die Jäger-Sammler der Semaq Beri hatten ähnlich wie die Jahai genau so viele Namen für Gerüche wie für Farben. Die sesshaften Semelai hatten mit Gerüchen jedoch ähnliche Schwierigkeiten wie Englisch sprechende Personen aus dem Westen.

Daraus schließen die Forscherinnen, dass der Geruchssinn gegenüber anderen Sinnes-Informationen in modernen Gesellschaften an Stellenwert verloren hat. "Jäger und Sammler nehmen Gerüche präziser wahr. Daher gehen wir davon aus, dass der Geruchssinn in modernen Gesellschaften abnimmt und dass dies ein neueres Phänomen ist", unterstreicht Majid. Kulturelle Variation und Anpassung habe gegenüber der physischen Evolution der Gehirnstruktur einen höheren Stellenwert als angenommen.