Eine Welt ohne Arbeit könnte der Menschheit bevorstehen, wenn Roboter immer mehr Tätigkeiten übernehmen. Die Maschinen werken schneller und billiger als hunderte Menschen - und das rund um die Uhr. Schaffen Automaten den Menschen ab? Welche Arbeit wird es in zehn oder zwanzig Jahren noch geben? Dirk Helbing, Soziologe und Komplexitätsforscher an der ETH Zürich, blickt in eine Zukunft, in der Rekord-Beschäftigung von gestern sein wird.

"Wiener Zeitung": Zeitreise ins Jahr 2030: Werden die Menschen noch Arbeit haben?

Dirk Helbing: Technisch gesehen kann die künstliche Intelligenz (KI) schon heute viele Tätigkeiten erledigen: Arbeiten, die auf Regeln, Wiederholung und Mustererkennung beruhen, führt sie zum Teil besser aus als Menschen. Und ihre Fähigkeit dazu wächst exponentiell. Ursprünglich nahm man an, dass es superintelligente Systeme bis 2040 geben würde. Heute sagen viele Experten, dass wir sie schon in drei bis fünf Jahren haben werden. Insofern muss man die Konkurrenz durch solche Systeme schon ernst nehmen. Sie sollen medizinische Diagnosen stellen, im juristischen Bereich zum Einsatz kommen, qualifizierte Bürojobs übernehmen und in Führungsteams Expertenmeinungen abgeben. Weiters wird über KI als Assistenzprofessoren diskutiert und es gibt sogar den Plan, 2020 einen Roboter in das Wettrennen um den Posten des Staatspräsidenten von Neuseeland zu schicken. Viele Roboter sind vernetzt und geben einander alles, was sie lernen, sofort weiter. Sie müssen nicht viele Jahre die Schulbank drücken und sich Wissen aneignen, das heute oft schon nach drei Jahren zur Hälfte veraltet ist.

Wie realistisch sind diese Szenarien?

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis viele Tätigkeiten automatisiert werden. Der Grund sind technischen Möglichkeiten und die Kosten. Menschen werden müde, machen Urlaub, beklagen sich über die Arbeit und kosten ein Gehalt und Sozialabgaben. Das fällt bei Robotern weg - die sich übrigens auch im öffentlichen Dienst bewähren könnten: Wenn der Staat sparen muss, könnten sie auch in der Verwaltung arbeiten.

Bringen neue Technologien auch neue Jobs?

Wie die neuen Berufe aussehen werden, lässt sich kaum vorhersagen. Auch können wir nicht davon ausgehen, dass sie im selben Tempo entstehen, wie alte verloren gehen. Man kann nur vermuten, dass Jobs, in denen es um Kreativität, soziale Interaktion und Umwelt geht, am längsten überleben.

Derzeit haben wir Rekord-Beschäftigung. Geht es ab jetzt nur bergab?

In der ersten Industrierevolution dauerte es mehr als eine Generation, bis sich die Wirtschaft vom Automatisierungsschub erholt hatte. Dazwischen gab es Revolution, Krieg und Wirtschaftskrise. Das stünde uns heute auch ins Haus, wenn wir die Rahmenbedingungen nicht verändern. Unsere Gesellschaft kann nicht mehr lange so weiter bestehen, wie sie ist. Die Kunst wird sein, eine Veränderung auf den Weg zu bringen, die mehr für alle bringt. Rekordbeschäftigung ist vielleicht das falsche Ziel. Vielleicht liegt die größte Chance unserer Zukunft sogar in der Massenarbeitslosigkeit, wie der Philosoph David Precht meinte, denn sie erfüllt einen Menschheitstraum: Maschinen nehmen uns die ermüdenden, schweren und langweiligen Tätigkeiten ab, die wir ohnehin nicht gerne machen. Wir können uns damit befassen, was uns wirklich Spaß macht - Kunst und Kultur, soziale Interaktion, Kreativität aller Art. Aber es muss sichergestellt sein, dass wir Nahrung, Wohnung und was wir zum Leben brauchen, bezahlen können. Ansonsten kippt das System und die Wenigen, die Roboter beschäftigen, bestimmen, was passiert. Das ist mit Demokratie nicht vereinbar und dadurch spitzt sich ein Konflikt zu zwischen Kapitalismus und Demokratie.