Wie retten wir im digitalen Kapitalismus die Demokratie?

Viele befürchten, dass die Demokratie im digitalen Kapitalismus auf der Strecke bleibt. Um das zu verhindern, müssen wir uns jetzt mit diesen Szenarien befassen, damit das Schicksal nicht einfach seinen Lauf nimmt, sondern wir bewusst unsere Zukunft so gestalten, wie wir sie möchten.

Was halten Sie von einem bedingungslosen Grundeinkommen?

Das Grundeinkommen ist keine perfekte Lösung. Im Übergang würde es aber den Leuten existenzielle Sorgen nehmen, den Unternehmen den Absatz sichern und die Gesellschaft stabil halten. Vor allem aber würde es uns den Rücken freihalten, um uns im Strukturwandel neu zu erfinden. Denn wir wollen ja nicht um jeden Preis Jobs ausüben, die nicht mehr zeitgemäß sind. Zwar könnte man versuchen, die digitale Transformation zu verzögern, aber wer zu lange zögert, hat einen Wettbewerbsnachteil. Also müssen wir uns dieser Transformation jetzt mutig und vorausschauend stellen. Das geht am besten ohne existenzielle Sorgen und mit dem Gefühl, zur Weiterentwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft beitragen zu können.

Ein Grundeinkommen garantiert eine flache Einkommensstruktur - jedoch ohne Leistungsanreize. Funktioniert das?

Bisher haben sich Leistungsanreize bewährt. Diese könnte man durch eine Investment-Prämie schaffen. Eine Zentralbank, die allen gehört, würde dieses zusätzliche Geld erzeugen und gerecht verteilen. Das Grundeinkommen würden die Menschen selbst konsumieren, die Investment-Prämie würde die Bank an Innovateure und Menschen geben, die sich für Hilfsbedürftige einsetzen oder sich in sozialen oder Umwelt-Projekten engagieren. Es wäre ein Crowdfunding für alle, das uns erlaubt, Dinge auf den Weg zu bringen, die wir für wichtig halten.

Ich halte es für einen Wesenskern des Menschen, mitgestalten zu wollen. Ein Ideenwettbewerb um die Investmentprämie könnte dafür sorgen, dass die besten Ideen gewinnen und umgesetzt werden. Wenn dieser Wettbewerb fair durchgeführt würde, könnte ein im wahrsten Sinne demokratischer Kapitalismus resultieren, bei dem die besten Eigenschaften der Systeme, die sich am besten bewährt haben, kombiniert würden. Den Rest würden wir automatisieren. Jene Länder, die schon jetzt proaktiv Maßnahmen in diese Richtung auf den Weg bringen, werden die führenden sein.

Zur Person

Dirk

Helbing

geboren 1965, ist Professor für Computer- und Sozialwissenschaften und Mitglied des Informatikdepartments der ETH Zürich.

Podiumsdiskussion zum Thema

"Arbeit 2030 - welche Berufe haben Zukunft" im Rahmen des Videowettbewerbs "Future Challenge" heute, 24. Jänner um 18.00 Uhr, Ringturm, Schottenring 30, 1010 Wien