In den Forschungslabors wird nach neuen wegweisenden Möglichkeiten gesucht. - © Martin Steiger
In den Forschungslabors wird nach neuen wegweisenden Möglichkeiten gesucht. - © Martin Steiger

Wien. Krebs könnte künftig behandelt werden, indem Forscher das Immunsystem zu Höchstleistungen anregen. Dieses Ziel verfolgt die Wiener Biotech-Firma Apeiron, gab das Unternehmen am Donnerstag bekannt. Erste klinische Tests laufen bereits.

Zum Hintergrund: In den vergangenen gut 20 Jahren ist es dank intensiver Fortschritte in der Krebsforschung gelungen, dass Patienten heute wesentlich länger leben - oft auch mit viel besserer Lebensqualität. Die Therapien sind nicht nur effizienter und punktgenauer geworden, sondern haben sich stark gewandelt. Waren früher vor allem Zytostatika (Chemotherapie) zum Einsatz gekommen, so sind es heute auch Antikörper, die maßgeschneiderte Therapien ermöglichen. Das sogenannte molekulare Profiling, bei dem Tumorarten in ihrer Zusammensetzung unterschieden werden, hat dazu geführt, dass Patienten möglichst effizient behandelt werden können. Zu einer Revolution der Krebstherapie hat die in den vergangenen Jahren entwickelte Immuntherapie geführt. Dabei sorgen bestimmte Substanzen dafür, dass die körpereigene Abwehr aktiviert wird, sodass sie selbst den Kampf gegen die Tumorzellen aufnehmen kann.

Neue Methode

All die Maßnahmen bedeuten Fortschritte - jedoch nicht für alle Patienten. Manche Krebsarten sind bis heute nicht kontrollierbar. Das ist nämlich das Ziel bei fortgeschrittenen Erkrankungen. Ab einem gewissen Stadium ist es kaum noch möglich, Krebs zu heilen. Die Mediziner setzen dann darauf, die Erkrankung mit den vorhandenen Möglichkeiten von einer per se tödlichen zu einer chronischen umzulenken. Trotz all der Fortschritte sprechen die Zahlen für sich: 40 bis 45 Prozent der Patienten leben nach fünf Jahren nicht mehr. Neue Lösungen sind gefragt.

Zu einer Krebserkrankung kommt es dann, wenn im Immunsystem etwas schiefläuft. Daher zielen viele Forschungsansätze darauf ab, das körpereigene Abwehrsystem in Stellung zu bringen. Das vom Leiter des Instituts für Molekulare Biotechnologie, Josef Penninger, gegründete, in Wien ansässige Biotechnologie-Unternehmen Apeiron Biologics AG, entwickelt seit einigen Jahren innovative Produkte in der Immun-Onkologie. Erst kürzlich erreichte das Unternehmen in der EU die Marktzulassung für sein am weitesten vorangeschrittenes Projekt - ein Antikörper zur Behandlung des Neuroblastoms, einem besonders bösartigen Tumor im Kindesalter.

Jetzt scheint ein weiterer großer Schritt bevorzustehen. Die Methode: Dem Patienten werden Immunzellen entnommen und mit einem bei Apeiron entwickelten Gerät in ihrer Zusammensetzung verändert. In modifizierter Form können sie dem Patienten unmittelbar wieder zugeführt werden. Das Immunsystem halte diese Aktivierung 14 Tage lang aufrecht - danach muss wiederholt werden. Nebenwirkungen gebe es kaum. "Wir therapieren nicht Krebs, sondern das Immunsystem", erklärte Apeiron-Geschäftsführer Hans Loibner am Donnerstag im Rahmen einer Führung durch das Labor.

Ersatz für andere Therapien

Der Ansatz zeigte in der klinischen Phase I Erfolge - sowohl beim Darm- als auch beim Bauchspeicheldrüsenkrebs, so Loibner. Demnächst soll in den USA und in Europa, eventuell in Österreich, eine Phase-II-Studie starten. Die Unternehmensführung ist motiviert: Die Technik soll schon in etwa drei Jahren marktreif sein. Im absoluten Idealfall könnte die Technologie andere Therapien ersetzen.

Um schnell zu Fortschritten zu gelangen, hat die EU nun das Unternehmen mit einem 25 Millionen-Euro-Darlehen aus dem Europäischen Fonds für strategische Investitionen (Efsi) ausgestattet. Damit werden nicht nur die Entwicklungen neuer Therapien vorangetrieben, sondern auch Arbeitsplätze geschaffen, betonte Jörg Wojahn, Vertreter der EU-Kommission in Österreich. Bisher wurden in Österreich Efsi-Finanzierungsvereinbarungen in Höhe von 931 Millionen Euro getroffen. Neben Apeiron profitieren viele andere heimische Betriebe - etwa in den Bereichen erneuerbare Energien, Abfallverwertung oder Entwicklung neuer Transportsysteme.