Vor allem Kinder sind heuer stark betroffen. - © Fotolia/ladysuzi
Vor allem Kinder sind heuer stark betroffen. - © Fotolia/ladysuzi

Wien. Sie wachte mit Kopfweh auf, schwächelte zu Mittag und konnte am Nachmittag kaum noch stehen. Mittwochabend lag Bettina B. mit Schüttelfrost und Gliederschmerzen im Bett, Donnerstagfrüh wachte sie mit 38,8 Grad Fieber auf und Freitag diagnostizierte ihre Ärztin die Grippe. Allein vergangene Woche erkrankten laut dem Wiener Grippemeldesystem 10.100 Österreicher sowohl an der "echten" Virusgrippe als auch an grippalen Infekten. Die Woche davor waren es rund 8400 gewesen.

Obwohl Spitzen wie in der starken Grippesaison 2017 von 18.000 bis 20.000 Neuerkrankungen pro Woche heuer noch nicht erreicht sind, warnt der Informationsdienst der Medizinuni Wien vor einer weiterhin zunehmenden Influenzavirusaktivität in ganz Europa. Irland, Luxemburg, Malta, Schweiz und Wales melden bereits eine hohe Intensität der Influenzavirusaktivität. Weiterhin dominieren in den meisten Ländern Europas Influenza-B-Viren.

B-Stamm mit zwei Linien

Das bestätigt auch die Virologin Theresia Popow-Kraupp von der Medizinischen Universität Wien im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Erkrankungen mit B-Stämmen verlaufen allerdings in der Regel harmloser und befallen vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, erklärt die Medizinerin. Bei den Älteren und Alten seien im Vergleich weniger Fälle zu beobachten, da diese schon mit etlichen B-Stämmen im Laufe ihres Lebens Kontakt hatten und daher meist immun gegen diese Viren sind.

Doch die Viren sind geschickte Zeitgenossen. Bedingt durch einen in der Bevölkerung vorhandenen Immunitätsdruck, verändern sie sich laufend. Denn: "Die Viren wollen um jeden Preis überleben", so Popow-Kraupp. In dem Moment, in dem eine Bevölkerung einen gewissen Abwehrpegel zirkulierender Antikörper im Blut hat und damit nicht infizierbar ist, übt das auf das Virus einen immensen Druck aus. Als Konsequenz nimmt der Erreger in seinen Oberflächenproteinen, mit denen er sich für gewöhnlich an die Wirtzellenrezeptoren anheftet, eine Veränderung vor, um genau dieses Andocken wieder zu ermöglichen. "Viren sind unglaublich von ihren Wirten abhängig, um nicht ausgerottet zu werden, und haben sich in Millionen Jahren diese Evolutionsmechanismen angewöhnt, um zu überleben", erklärt die Expertin.

Dass die Impfstoffe heuer nicht ganz den Anforderungen entsprechen beziehungsweise nicht in genügender Menge vorhanden waren, hat unterschiedliche Gründe. Der vielfach propagierte Vierfachimpfstoff, der bei dem kursierenden Virus seine Aufgabe gut erfüllt, war schon vor dem Beginn der Grippewelle zur Neige gegangen. Der "alte" Dreifachimpfstoff beinhaltet zwar einen B-Stamm - allerdings den falschen. Doch wie kommt es überhaupt zu zwei B-Stämmen? Historisch gesehen, habe sich das Virus erst in den 1980er Jahren in zwei Linien aufgespaltet, sagt die Expertin. Dabei bietet der Stamm einer Linie keinen sogenannten Kreuzschutz zur anderen Linie. Diese Entwicklungen sind nur schwer vorhersehbar, werden aber bei ihrem Auftreten genauestens dokumentiert.

Impfstoffempfehlung

Zweimal pro Jahr analysieren Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO die in der nördlichen und südlichen Hemisphäre auftretenden Viren. Diese unterscheiden sich zwar - denn die Grippezeiten treten jahreszeitenbedingt immer um ein halbes Jahr zeitversetzt aus -, folgen aber zumeist einem bestimmten Prozedere. Jenes Virus, das im Winter in der nördlichen Hemisphäre, also auch in Europa, um sich greift, tritt für gewöhnlich ein halbes Jahr später im Winter der südlichen Hemisphäre, etwa Australien, auf. Diese Analysen finden schließlich Einzug in die Impfstoffempfehlungen.

Wie sich die Lage in den nächsten Wochen entwickeln wird, lasse sich abschätzen, betont Popow-Kraupp. Denn es gebe bestimmte Gewohnheiten des Menschen, die die Epidemiologie beeinflussen. Das ist etwa die Ferienzeit, in der für gewöhnlich ein Rückgang der epidemischen Ausbreitung beobachtet werden kann. Da wir nun kurz vor den Semesterferien stehen, ist wohl davon auszugehen, dass die Grippekurve deutlich abflachen könnte.