Wien. Die Afrikanische Schweinepest könnte demnächst Österreich erreichen. Die Tierseuche, die Haus- und Wildschweine befällt, breitet sich seit einigen Jahren über Russland, das Baltikum, die Ukraine und Polen nach Westeuropa aus. "Es hat eine Dimension, die wir bisher nicht kennen, man kann nicht ausschließen, dass es nicht auch schon Fälle in Österreich gibt", sagt Till Rümenapf, Professor für Virologie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien zur "Wiener Zeitung". Bei der seit Mittwoch laufenden Jagdmesse in Salzburg hält die Agentur für Ernährungssicherheit (Ages) Jäger dazu an, an der Krankheit verendete Wildschweine in heimischen Wäldern unverzüglich zu melden.

Für Menschen ist das Virus nicht ansteckend. Bei Haus- und Wildschweinen verläuft eine Infektion aber fast immer tödlich - einen Impfstoff gibt es nicht. Der Erreger ist äußerst widerstandsfähig. Er kann Wochen bis Monate in Fleisch, Fleisch- und Wurstwaren und Schlachtabfällen überleben. In gefrorenem Fleisch hält er sich sogar mehrere Jahre. In Afrika wird er in erster Linie von Zecken übertragen - bekannt wurde die Krankheit erstmals bei afrikanischen Warzenschweinen. Hierzulande befällt sie Wild- und Hausschweine. Anders als auf dem Schwarzen Kontinent kommt das Virus aber tückischerweise in Europa ohne Zwischenwirt aus, was es hochansteckend macht. Es wird von Tier zu Tier übertragen, wobei noch nicht klar ist, ob es sich um eine natürliche Fähigkeit des Erregers oder um eine Mutation handelt. Ansteckungen erfolgen über Körperkontakt oder durch von Menschen weggeworfene Fleischwaren, die etwa an Raststätten von Wildschweinen verzehrt werden. Weggeworfene Wurstsemmeln können somit für die Wildtiere lebensbedrohlich sein. Ansteckungen erfolgen auch, wenn sie verendete Artgenossen fressen. Hausschweine wiederum stecken sich an, wenn verseuchte Lebensmittel-Reste im Futter sind.

"Die Krankheit verläuft in 90 Prozent der Fälle tödlich, sie ist ein absoluter Killer", warnt Rümenapf. Nur strengste Hygienevorschriften bei der Fütterung könnten Übertragungen in der Tierhaltung verhindern. Bei den Wildtieren sei die Afrikanische Schweinepest noch schlechter kontrollierbar. Da sich kranke Wildschweine im Dickicht verkriechen, werden sie spät bis gar nicht gefunden. Das Virus hat somit Zeit, um zu wüten, bevor seine Spuren bemerkt werden.

Rümenapf weist darauf hin, dass erst vor wenigen Wochen erneut verendete Wildschweine nahe der südmährischen Stadt Zlin 80 Kilometer vor Österreichs Grenzen gefunden wurden. Die Kadaver befanden sich außerhalb der Schutzzone, die die 75.000-Einwohner-Stadt vergangenen Sommer definiert hatte, als dort die Krankheit zum ersten Mal ausbrach.

"Wenn sich die Seuche nun in einen landwirtschaftlichen Betrieb im grenznahen Niederösterreich einschleicht, wäre das eine Katastrophe", sagt der Virologe. Er verweist auf das baltische Estland, wo die Afrikanische Schweinepest vor etwa fünf Jahren grassierte. Rund 70 Prozent der Schweinehalter mussten zusperren.

"Nur ein einziges erkranktes Tier in einem Stall würde für heimische Schweinebauern einen Totalausfall bedeuten und hätte sofortige Auswirkungen auf den Export", sagt Roland Acher, Sprecher der Ages, die im Auftrag der Ministerien für Gesundheit und Landwirtschaft einen Notfallplan erstellt hat. Zu den gefährdeten Gebieten zählen die nördlich der Donau gelegenen Verwaltungsbezirke Hollabrunn, Tulln, Korneuburg, Mistelbach, Bruck an der Leitha und Gänserndorf sowie alle Bezirke in Wien.

Vor diesem dramatischen Hintergrund sind insbesondere deutsche Schweinebauern verärgert über ein Angebot der Supermarktkette Lidl. Der Discounter bietet polnische Rohwurst einer Eigenmarke an. In den Augen der Landwirte ist das wegen der Seuchengefahr ein Unding. Sie fürchten, dass das Virus über Wurstimporte Deutschland erreichen könnte. Zuvor hatte das Landwirtschaftsministerium in Berlin gewarnt, dass Fernfahrer und Saisonkräfte aus Osteuropa infizierte Fleisch- und Wurstwaren mitbringen könnten.

Am Mittwoch gab die deutsche Regierung bekannt, EU-Vorschriften zur Desinfektion von Viehtransportern national umzusetzen und die Schonzeit für das Jagen von Wildschweinen aufzuheben.