Wien. Bisher ging man davon aus, dass alle heute lebenden Pferde von den von der Botai-Kultur vor 5500 Jahren in der zentralasiatischen Steppe gehaltenen Pferden abstammen - mit Ausnahme der "Przewalski" genannten letzten lebenden Wildpferderasse. Im Fachblatt "Science" veröffentlichte Genom-Analysen zeigen nun aber, dass die Botai-Pferde vielmehr die Vorfahren der Przewalski sind.

Nach heutigem Wissensstand war die Botai-Kultur die erste, die Pferde als Reit- und Tragtiere sowie als Nahrungslieferanten nutzten. Das zeigen archäologische Funde aus dem heutigen Kasachstan. Aufgrund dieser früh belegten engen Mensch-Tier-Beziehung und der Tatsache, dass in den Steppen Zentralasiens damals Wildpferde anzutreffen waren, ging man bisher davon aus, dass es sich bei den damals domestizierten Pferden um die Vorfahren der modernen Pferde handelt. Darüber hinaus nahm man an, dass die Przewalski-Pferde die letzten Vertreter jener Wildpferde sind, aus denen die Menschen der Botai-Kultur einst ihre ersten Pferde rekrutierten.

Ein Forschungsteam um Ludovic Orlando von der Universität Toulouse und Alan Outram von der Universität Exeter hat sich nun mittels DNA-Analysen darangemacht, diese Annahme zu überprüfen. Aufgrund der intensiven Zucht in den vergangenen Jahrtausenden lässt sich aus dem Genom heutiger Pferde aber kaum mehr auf ihren Ursprung rückschließen. In früheren Untersuchungen haben die Forscher bereits gezeigt, wie stark unterschiedlich das Erbgut von Tieren, die vor rund 2000 Jahren gelebt haben, von den heutigen Pferden ist.

Daher widmete sich das Team, dem auch Barbara Wallner und Gottfried Brem vom Institut für Tierzucht und Genetik der Veterinärmedizinischen Uni Wien angehörten, den rund 5500 Jahre alten Überresten der Botai-Pferde. Sie haben im Zuge der Studie die Vererbung des männlichen Geschlechtschromosoms analysiert.

Stammbaum nicht haltbar

Dabei wurde klar, dass die bisherigen Annahmen zum Pferde-Stammbaum nicht haltbar sind. Denn die Botai entpuppten sich keineswegs als die Vorfahren der heutigen Pferde, sondern als die Urahnen einer anderen Gruppe von Pferden, die vor rund 5000 Jahren in dieser Gegend lebten. Außerdem zeigte sich zur weiteren Überraschung, dass auch die vermeintlichen "Urwildpferde" - die Przewalski - eigentlich Abkömmlinge der einst domestizierten Botai-Pferde sind.

Die Przewalski-Pferde, die 1969 in freier Wildbahn als ausgestorben galten und deren Wiederansiedlung in der Wüste Gobi Forscher seit 20 Jahren begleiten, dürften also "wilde Abkömmlinge der ersten domestizierten Pferde sein. Das stellt natürlich ihre bisherige Bezeichnung als die letzten lebenden Wildpferde in Frage", so Orlando. Die "Degradierung" vom letzten Wildpferd zum nächsten Verwandten der ersten domestizierten Pferde sollte laut dem Forscher jedoch keine Auswirkungen auf den Schutz der Tiere haben.

Die neuen Daten machen auch klar, dass es für die Suche nach dem Ursprung des Pferdes neue Ansatzpunkte braucht. Aufgrund von Erbgut-Analysen gehen die Forscher davon aus, dass es im Zeitraum von vor 5000 bis 4100 Jahren zu einer Ausweitung der Pferdepopulation gekommen sein dürfte. Es scheint, als ob damals Menschen auf einen neuen, womöglich besser geeigneten Pferdetyp stießen und ihn züchteten.