Wien. Schon in der näheren Zukunft könnten Menschen ihr eigenes Organ-Gewebe im Labor für alle Fälle bereitstehen haben. Wenn sie krank werden, würde es Reserven bieten. Forscher könnten es anlegen, indem sie Personen zum Beispiel Hautzellen entnehmen und diese zu embryonalen Stammzellen zurückprogrammieren. Diese körperlichen "Alleskönner" könnten sie darauf trimmen, sich in neue Leber-, Lungen- oder Nierenzellen zu verwandeln. Das frische Gewebe ließe sich dann ganz ohne Abstoßung transplantieren. Die Ersatzteillager im Labor könnten auch persönliche Testbetten für Medikamente sein. In diesen Fall würden die Forscher Mutationen einschleusen, die zum Beispiel Krebs verursachen, und erproben, welche Medizin den Tumor am schnellsten und schonendsten beseitigt. Der Besitzer des Gewebes würde nur bekommen, was bei ihm am besten wirkt.

So und ähnlich sehen Stammzellforscher die "fantastische Zukunft" ihres Fachgebiets. "Wir stehen vor einer kompletten Revolution in der biomedizinschen Forschung", sagte Jürgen Knoblich, Stellvertretender Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (Imba), vor Journalisten am Freitag in Wien.

"Das Erbgut von immer mehr Menschen ist komplett sequenziert - in zehn bis 20 Jahren wird jeder sein Genom kennen, weil die Sequenzierung ein Teil von Routineuntersuchungen sein wird", stellte er in Aussicht. Er und seine Kollegen könnten zudem Stammzellen aus Körperzellen herstellen und dieser wiederum in andere Zelltypen verwandeln. "Und wir können Mutationen einfügen, Erkrankungen nachbauen und mit Stammzellen Krankheiten heilen", sagte Knoblich am Rande der bis Samstag am Imba laufenden Fachkonferenz "SYStem - Stammzellforschung in Österreich - Status Quo und Zukunftsvisionen."

Stammzellen sind so etwas wie das Perpetuum Mobile der Biologie. Denn alle Zellen teilen sich. Doch während bei der Teilung von Leber- oder Hautzellen nur Kopien entstehen, können Stammzellen sowohl zu Kopien von sich selbst als auch zu anderen Zelltypen werden. Überall im Körper gibt es erwachsene (adulte) Stammzellen zur zellulären Erneuerung. Die Königsklasse sind jedoch die embryonalen Stammzellen, die sich zu jedem x-beliebigen Typ spezialisieren können. Leider gibt es sie nur am Anfang des Lebens, sie kommen nur in Blastozysten und Embryonen vor. Da deren Verwendung ethisch problematisch ist, entwickelte der japanische Biomediziner Shinya Yamanaka ein nobelpreisgekröntes Verfahren, mit dem man Körperzellen aus der Haut oder dem Blut zu Stammzellen zurückprogrammieren kann. Sie werden induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) genannt. Das Verfahren wird unter anderem am Imba laufend verbessert.