New York/Wien. Familientreffen könnten künftig größer ausfallen - viel größer, wie eine internationale Forschergruppe herausgefunden hat. Doch 13 Millionen Menschen würden wohl kaum an einen einzigen Tisch passen. In etwa diese Anzahl an Personen könnte allerdings ein einziger Familienclan ergeben, wie die jüngste Erstellung eines der wohl größten Stammbäume zeigt. Diesem liegen Millionen von Daten zugrunde, die Forscher der Online-Plattform Geni.com entnommen haben. Das Unternehmen ist auf Ahnenforschung spezialisiert.

Das Ergebnis der im Fachblatt "Science" publizierten Studie gibt insgesamt Einblick in 500 Jahre der Familiengeschichte Europas und Nordamerikas - zusammengeführt durch Heirat und Migration. Die Verästelung der Verwandtschaftsverhältnisse ist im Laufe der Zeit entstanden und hat ihren Ausgangspunkt in Europa. Die ersten Verzweigungen traten dem Stammbaum zufolge im 15. Jahrhundert mit Christoph Columbus’ Seefahrt nach Westen auf.

Elf Generationen schwer

Der ferne Kontinent war allerdings nicht der einzige Anlaufpunkt in der Geschichte der menschlichen Entdeckungs- und Reisetätigkeiten und damit auch der Besiedelung durch Verwandte aus Europa. Weitere Linien auf andere Kontinente ergaben sich etwa auch durch die Ankunft holländischer Seefahrer im Jahr 1652 in Südafrika oder durch die Niederlassung unter britischer Krone im Jahr 1788 in Australien.

Die Daten vieler kleiner Familienstammbäume haben zu einem einzigen großen geführt, der in etwa elf Generationen umfasst, heißt es in der Studie. Theoretisch müssten die Forscher insgesamt 65 Generationen zurückverfolgen, um an den ersten Spross zu gelangen und damit diese breit gefächerte Aufstellung vervollständigen zu können.

"Das ist ein aufregender Moment im Bereich der Citizen Science", erklärt Melinda Mills von der University of Oxford. Citizen-Science-Projekte entstehen mithilfe von Daten der Allgemeinbevölkerung - für gewöhnlich interessierter Laien.

Die Daten zeigen ausführlich, wann und wo jeder einzelne Mensch geboren wurde und auch starb. "Die rekonstruierten Stammbäume zeigen, dass wir praktisch alle auf irgendeine Art und Weise miteinander verwandt sind", erklärt der an der Studie beteiligte Peter Visscher von der University of Queensland.

Einflüsse auf Beziehungen

Heirat und Migration verändern das Familienleben und haben großen Einfluss auf spätere Beziehungen. So fanden Amerikaner etwa vor 1750 ihre Ehepartner in einem Umkreis von rund zehn Kilometern ihres Geburtsortes. Diese Distanz wurde im Laufe der Jahre immer größer. Für Menschen, die im Jahr 1950 geboren wurden, sind schon Wegstrecken von rund 100 Kilometern durchaus möglich, um dem Partner seines Lebens zu begegnen, wie die Forscher herausfanden. "Es wird immer schwieriger, die Liebe seines Lebens zu finden", stellt Yaniv Erlich von der University of Columbia scherzhaft fest.

Vor dem Jahr 1850 war es auch üblich, etwa den Cousin vierten Grades zum Mann zu nehmen. Heute beträgt der Unterschied mindestens sieben Familiengrade. Mit dem Wechsel sozialer Normen, wie etwa verstärkter Mobilität, könnte es dazu gekommen sein, dass Menschen ihre potenziellen Partner eher fern der eigenen Sippschaft suchen, vermuten die Forscher.

Vergleichende Beobachtungen hätten zudem ergeben, dass Frauen in Europa und Nordamerika in den letzten 300 Jahren wesentlich häufiger abwanderten als Männer. Wenn allerdings ihre männlichen Pendants diesen Schritt gehen, führt es sie im Durchschnitt wesentlich weiter vom Geburtsort weg, heißt es in der Studie.

Gene der Langlebigkeit

Diese gibt auch Auskunft über die Veränderungen der Lebensspanne eines Menschen. Die Forscher nahmen ein Datenset von drei Millionen Verwandten, die zwischen 1600 und 1910 geboren wurden und älter als 30 Jahre wurden, als Grundlage für die Beobachtung. Sie verglichen die Lebenszeit jedes Individuums mit seinen Verwandten und fanden heraus, dass Gene zu einem Anteil von 16 Prozent Auskunft über eine Langlebigkeit geben können. So zeige das Resultat, dass gute Gene einem Menschen im Durchschnitt ein um fünf Jahre längeres Leben bescheren, beschreiben die Forscher.