Die Geisterpopulation

Ähnliche Wanderungen gab es auch im Norden Afrikas, berichtet Krause zudem im Fachblatt "Science". Die Forscher hatten Erbgut aus den Knochen von sieben Menschen gewonnen, die vor rund 15.000 Jahren in der "Taubenhöhle" im Osten des heutigen Marokkos zur letzten Ruhe gebettet worden waren. Die Sequenzen sorgten für Überraschung. So wussten die Archäologen bisher zwar, dass vor etwa 20.000 Jahren neue Technologien zur Bearbeitung von Steinen in Nordafrika auftauchten, tappten aber über die Menschen im Dunkeln, die solche Neuerungen gebracht haben könnten. Waren vielleicht moderne Menschen, die damals längst in Europa lebten, von der Iberischen Halbinsel oder von Sizilien über das Mittelmeer nach Nordafrika gekommen?

"Im Erbgut finden wir keinen Hinweis auf solche Einwanderer", erklärt Krause. Stattdessen stammen rund zwei Drittel der Sequenzen von Menschen, die damals im Nahen Osten, dort, wo heute Israel liegt, zuhause waren. Der Rest ähnelt dem Erbgut der heutigen Afrikaner, die südlich der Sahara leben. Jedoch nicht etwa einer bestimmten der gut zu unterscheidenden Gruppen dort. "Es könnte sich um eine sogenannte Geisterpopulation handeln, aus der später die verschiedenen Gruppen im südlichen Afrika entstanden", vermutet der Forscher. Von solchen Populationen wurden bis auf die Spuren im Erbgut bisher keinerlei Hinweise wie Fossilien oder Werkzeuge entdeckt.

Wie die Menschen aus dem Süden Afrikas einst durch die lebensfeindliche Sahara in das heutige Marokko kamen, können Klimaforscher gut erklären: Die Sahara erlebte immer wieder Episoden, in denen die heutige Wüste eher einer Savanne mit weiten Grasländern und einigen Bäumen ähnelte. Das letzte Mal war das vor 11.000 bis 8000 Jahren. Genau in solchen Gebieten aber lebten die Jäger und Sammler der Steinzeit. Vielleicht haben Gruppen dieser Menschen ihre Fühler mit der Zeit immer weiter in die jetzt grüne Sahara ausgestreckt, bis sie irgendwann das heutige Marokko erreichten?

Eine Einbahnstraße

Dort reichen die Funde früher Formen des modernen Menschen gut 300.000 Jahre zurück. Lange Epochen dieser Zeit waren die Menschen dort vom Rest Afrikas wohl ziemlich isoliert. Bis sich dann aus dem Nahen Osten oder auch aus dem heutigen Ägypten vor vielleicht 20.000 oder 25.000 Jahren Gruppen entlang der Mittelmeerküste auf den Weg nach Westen machten und nicht nur die neuen Technologien zu den Menschen im Nordwesten Afrikas brachten.

Umgekehrte Wanderungen vom heutigen Marokko in den Nahen Osten hält der Forscher dagegen aus gutem Grund für wenig wahrscheinlich: "Im Erbgut der Menschen im Nahen Osten finden wir keinerlei Hinweise auf die Geisterpopulation im südlichen Afrika, von denen die Menschen in der Taubenhöhle abstammten." Auch wenn die Wanderung also eine Art Einbahnstraße war, zeigt diese Analyse doch, dass die Menschen damals weit herumkamen und dabei deutliche Spuren im Erbgut hinterlassen haben.