Ist Burnout nicht auch eine Modeerscheinung unter den Krankheitsbildern?

Wir haben viele Patienten, die zu uns kommen und sagen: Ich hatte einen Burnout, deshalb bin ich suchtkrank geworden. Wenn wir dann den Patienten näher kennenlernen, sehen wir manchmal, dass kein Burnout vorliegt, sondern eine Depression. Burnout ist eine salonfähige Diagnose. Sie besagt, dass der Patient so leidenschaftlich für seinen Arbeitgeber da war, dass er davon krank geworden ist.

Wenn aber jemand depressiv ist, dann wird er von der Gesellschaft schnell als wertlos eingeordnet. Burnout ist jedenfalls nichts, das nur zwischen 8 und 16 Uhr stattfindet. Das Syndrom greift in alle Lebensbereiche ein. Jemand, der sukzessive ausbrennt, brennt auch in seinen Beziehungen aus, verliert seine Interessen und sein Interesse. Es ist ein allumfassender Prozess, begleitet von einem zunehmenden Gefühl der Aushöhlung. Deshalb kann man ein Burnout nicht wirklich vorgaukeln.

Was könnten die Firmen besser machen, um Burnout einzudämmen?

Unser Lebens- und Arbeitstempo hat sich enorm erhöht. Ich glaube, dass Unternehmen im Sinne des Arbeitnehmerschutzes deshalb viel mehr gefordert, aber auch gefördert gehörten. Ein wertschätzender Umgang miteinander ist wichtig. Es sollte die Möglichkeit geben, sich Auszeiten zu nehmen. Je wohler sich jemand auf seinem Arbeitsplatz fühlt, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass er oder sie ausbrennt. Dazu gehört auch eine entsprechende Ausstattung der Arbeitsplätze, Licht und Klima sollten passen. Die Kommunikation sollte interessierten Austausch beinhalten. Autonomie ist extrem wichtig. Die Möglichkeit, kreativ sein zu dürfen, trägt auch zu positiven Gefühlen bei. Jemand, der keinen Bewegungsspielraum hat und trotzdem in vollem Tempo arbeiten muss, wird auf Dauer keine positiven Gefühle in seiner Arbeit entwickeln. Man fühlt sich dann wie ein winziges Rädchen in einer Maschinerie. Das gab's früher zwar auch, aber die Arbeitsbedingungen waren nicht so zugespitzt wie heute. Wenn jemand strikte Vorgaben und keinen Bewegungsspielraum hat und trotzdem ein hohes Tempo von ihm gefordert wird, dann ist die Prognose nicht so günstig.

Wie sind Österreichs Unternehmen da aufgestellt? Sind die Firmenkulturen eher dunkel gehalten, oder gibt es Licht?

Es gibt in Österreich viele Unternehmen, die Aktionen setzen, und sie werden auch gefördert. Das reicht vom Sitzkissen für alle bis zum Obstkorb am Gang. Das sind zwar nur kleine Dinge, aber immerhin ein Anfang. Es gibt Unternehmen, die auch Workshops zur Prävention anbieten. Es tut sich einiges, würde ich sagen. Aber es gibt auch Berufe, die grob vernachlässigt werden. Im Sozialbereich, bei den helfenden Berufen, gibt es Verbesserungsbedarf.