Wie sinnvoll ist es, wenn Museen ihre Archive digitalisieren?

Die erste Frage ist: Für wen tue ich das? Wer ist mein Empfänger? Ist es das allgemeine Publikum? Dann brauche ich nicht, wie es im NHM der Fall wäre, 30 Millionen Objekte zu digitalisieren, weil sich niemand durchklicken wird. Es ist sinnlos, sich sechs Millionen Käfer anzuschauen, zwischen denen der Laie keinen Unterschied sieht. Mache ich es für die Wissenschafter, stellt sich die Frage, ob es den Aufwand wert ist. Denn eine naturkundliche Sammlung digitalisiert man nicht einfach durch abfotografieren. Man braucht Experten, die die alten Inschriften lesen können, und Wissenschafter, die die Objekte kennen und feststellen, ob die Beschriftungen wirklich zum Objekt gehören oder in der Lade herumgerutscht sind. Und bei einem Stein ist es überhaupt schwierig - was digitalisiere ich? Sinnvoll ist es, den Inventarkatalog in eine digitale Form zu überführen, sodass er leichter zu navigieren ist - aber auch hier muss man den Aufwand und den Nutzen in Relation stellen. Ein 500 Jahre altes Buch kann man hingegen immer lesen und es braucht nicht einmal Strom.

Das Pariser Kunstzentrum will mit seinem "Atelier des Lumières" neue Besucherschichten gewinnen: Mit 140 Videoprojektoren werden in einer ehemaligen Werkshalle Bilder von Gustav Klimt an die Wand geworfen, damit Familien-Publikum, das in der Freizeit nicht in Ausstellungen geht, angesprochen wird. Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der Vermittlung, etwa wenn Schüler sich an Selfie-Stationen mit Objekten fotografieren können?

Das ist eine sehr oberflächliche Geschichte, denn gerade das Beispiel Selfie-Stationen zeigt, dass man an sich selbst interessiert ist und nicht an dem Objekt. Es geht nur um den Effekt. Daher muss man mit der Digitalisierung in der Vermittlung vorsichtig sein. Es soll eine sinnvolle Mehrinformation sein. Man muss aber aufpassen, dass sie nicht zu lange und zu viel wird, weil sie sonst niemand liest.

Was digitalisieren Sie im NHM?

Wir haben viele Fotos digitalisiert. Manchmal ist das nicht unwichtig, denn gerade alte Dias zerfallen. Manche Fotoschichten bleiben lichtsensitiv und bekommen einen Braunstich. Ich habe aber von Kollegen im Filmmuseum gelernt, dass digitale Archive mittlerweile analog archiviert werden. Sie drucken sie auf Filmstreifen wieder aus. Das Material hält länger - vielleicht 100 Jahre und nicht nur einige Jahrzehnte.

Und Ihre Dinosaurier-Skelette?

Ich denke, so ein Riesenskelett ist etwas Eindrucksvolles, und es wird immer besucht werden. Obwohl man dazusagen muss, dass manche unserer Skelette auch Abgüsse sind.

Zur Person

Christian
Köberl
ist Generaldirektor und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Naturhistorischen Museums Wien. Als Geochemiker widmet er sich vor allem der Meteoritenforschung.