London/Wien. (est) Einwandfreie hygienische Standards verbessern die Gesundheit, doch allzu sterile Bedingungen schaden ihr. Diese These stärken britische Forscher mit einem schockierenden Befund: Sie berichten, dass die immer keimfreiere Umgebung unserer modernen Welt für manche Kleinkinder sogar lebensgefährlich sein kann, da sie das Immunsystem nur unzureichend gegen Krebs rüste.

Konkret bezieht sich das Team des Institute of Cancer Research auf eine der häufigsten Krebsarten bei Kindern, die akute lymphatische Leukämie (ALL). Sie geht von bösartig entarteten Vorläuferzellen der Lymphozyten (Immunzellen) aus. Dabei kommt es zu einer Verminderung der Knochenmarkfunktion und einem Mangel an roten Blutzellen und Blutplättchen. ALL entsteht durch eine Kombination von genetischer Mutation und Infektionen, die insbesondere dann auftreten, wenn das Immunsystem zu wenig Abwehrkräfte hat. Das berichten Mel Greaves und sein Team vom Institute of Cancer Research in "Nature Reviews Cancer". Laut den Forschern wäre es durchaus möglich, den Ausbruch dieser Krebsart zu verhindern.

"Ich befasse mich seit 40 Jahren mit lymphatischer Leukämie bei Kindern. Mittlerweile werden 90 Prozent der Betroffenen geheilt", betont Greaves in der britischen BBC: "Aber es existierten Wissenslücken zu den Gründen, warum sie bei manchen ansonsten gesunden Kindern ausbricht und bei anderen nicht."

Mikroben, die gesund machen

Auf der Basis von medizinischen Aufzeichnungen der letzten 30 Jahre kommt das Team zu dem Schluss, dass ALL in zwei Stufen zustande kommt. Es beginnt mit einer genetischen Mutation kurz vor der Geburt, die das Baby für die Leukämie anfällig macht. Allerdings bricht die Erkrankung nur bei einem Prozent der betroffenen Babys aus, und zwar, wenn diese in der frühen Kindheit Infektionen erleiden. Und dies wiederum geschieht in erster Linie bei Kleinkindern, die ihr erstes Lebensjahr behütet und weitgehend ohne Kontakt zu anderen Babys, Kindern oder Geschwistern zu Hause aufwuchsen.

In fortgeschrittenen und wohlhabenden Gesellschaften kommt ALL weltweit am häufigsten vor. "Unsere Ergebnisse legen nahe, dass akute lymphatische Leukämie klare biologische Ursachen hat und von einer Reihe von Infektionen ausgelöst wird, die eintreten, wenn das Immunsystem unzureichend vorbereitet ist." Die Immunabwehr könne nur mit Gefahren umgehen, die es durch Mikroben-Kontakt erlernt habe.

Um ihre These zu untermauern, setzten die Forscher verschiedene Studien zum Auftreten von Leukämie zusammen - etwa bei Kindern nach einem Schweinegrippe-Ausbruch in Mailand und bei solchen in Kinderkrippen oder mit ältere Geschwistern. Muttermilch, die gute Bakterien aus dem Darm der Mutter an das Baby weitergibt, entpuppte sich als ebenso gesundheitsfördernd wie natürliche Geburten.