Bald sollen klinische Studien starten, um Sichelzellenanämie schon im Ansatz zu reparieren. Forscher der Firma Crispr-Therapeutics in Cambridge im US-Staat Massachusetts wollen Stammzellen aus dem Blut der Patienten isolieren. Mit Hilfe von Crispr wollen sie in dem Blut einen Genschalter so umlegen, dass es fetale rote Blutkörperchen erzeugt, die Sauerstoff besonders gut binden. Per Infusion gelangen sie dann in den Körper des Patienten zurück, wo sie die schädliche Wirkung der kaputten Sichelzellen bekämpfen. Auch für andere Erkrankungen sind neue Therapien durch Crispr in absehbare Nähe gerückt - etwa vererbte Blindheit, Muskelschwäche bei Kindern oder bestimmte Formen von Blutkrebs. Entscheidend ist, dass die Therapie außerhalb des Körpers stattfindet.

"Die somatische Gentherapie ist eine lokale Veränderung, die nicht an die nächste Generation weitergegeben wird. Aus ethischer Sicht ist sie zu 100 Prozent zu befürworten", sagt der Wiener Fachhumangenetiker Markus Hengstschläger, Mitglied der Österreichischen Bioethik-Kommission, zur "Wiener Zeitung". "Anders verhält es sich mit Veränderungen in der Keimbahn, die in vielen Ländern, auch in Österreich, verboten sind. Davon sollten wir stets die Finger lassen, denn das wäre der Eingriff des Menschen in die Evolution."

"Mit Crispr/Cas9 in menschliche Keimbahnen einzugreifen ist problematisch. Aber einige neuere Publikationen zeigen, wie weit Wissenschafter bereits gekommen sind", sagt Emanuelle Charpentier, die die Methode miterfunden hat, in einem Interview mit der Austria Presse Agentur. "Wir brauchen eine verstärkte Debatte und internationale Regularien zu den potenziellen Risiken. Wir müssen sicherstellen, dass jede ethisch fragwürdige Nutzung dieser Technik verboten wird."

Schnellere Züchtung

Intensiv debattiert in diesen Tagen die EU-Kommission die Nutzung der Gen-Schere in der Landwirtschaft. Crispr/Cas9 gilt als vielversprechend, weil sich Pflanzen damit schneller und gezielter züchten lassen als mit bisherigen Methoden. Doch während in den USA Gemüse und Getreide, das mit der Gen-Schere optimiert wurde, nicht gekennzeichnet werden muss, da die Pflanzen kein artfremdes Gen-Material enthalten, ist in Europa strittig, wie sie zu definieren sind.

Unter die Gesetzgebung zur Regulierung von "Gentechnisch Veränderten Organismen" (GVO) fallen all jene Gewächse, denen die Gene anderer Pflanzen gezielt eingeschleust wurden. Züchtungen, die durch zufällige Mutationen zustande kommen, gelten nicht als gentechnisch veränderte Organismen. Crispr/Cas9 ist keines davon: Es wird etwas verändert, aber nichts eingeschleust, gleichzeitig passiert es nicht zufällig, sondern spezifisch.

Wie kniffelig das Problem ist, zeigt die Haltung des Chefs des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock. Er sprach sich diese Woche dafür aus, eine internationale Institution mit der Prüfung des Einsatzes von Crispr/Cas9 zu befassen. Dabrock warnte vor einem unkontrollierten Einsatz des neuen Werkzeugs. "Das ist ein Menschheitsthema, das man nicht alleine den Wissenschaftern überlassen darf", mahnte er. Es sollte "ein internationales Beobachtungsverfahren, eine Institution, geben, die diesen Prozess begleitet., etwas wie die Atomenergiebehörde in Wien", sagte er.