Wien. Im Jahr 2015 erkrankten weltweit 46,8 Millionen Menschen an Demenz. Für 2050 rechnet die Weltgesundheitsorganisation mit 131,5 Millionen Betroffenen. Die wohl erbarmungsloseste Form von Demenz ist die Alzheimer-Krankheit. In den 100 Jahren seit ihrer Entdeckung durch den Arzt Alois Alzheimer konnte weder eine Therapie noch eine effektive Form der Prävention gefunden werden. Gegen den unaufhaltsamen Verfall von Gehirn, Erinnerungsvermögen, Persönlichkeit und Identität gibt es kein Medikament und für die Krankheit keinerlei Heilung.

Die Suche danach führt die Grundlagenwissenschaft zurück zu den Ursachen. "Ich wollte testen, welche Wirkstoffe gegen Alzheimer effektiv sind, entdeckte jedoch einen Virenbefall", berichtet der Genetiker Joel Dudley von der Arizona State University. "Wir haben zwar nicht nach Viren gesucht, aber die Viren starrten uns ins Gesicht", fügt Erstautor Ben Redhead hinzu. Die Entdeckung gilt als Bestätigung einer Theorie und könnte neue Therapieansätze eröffnen. Bestimmte Herpes-Viren könnten nämlich an der Entstehung von Alzheimer beteiligt sein oder die Erkrankung sogar auslösen. Das berichten Dudley und seine Kollegen in zwei separaten Studien in "Neuron" und "Cell".

Neue Therapieansätze

Die Forschenden untersuchten Daten von Verstorbenen, die ihre Gehirne der Forschung zur Verfügung gestellt hatten. 622 Spender-Hirne in Biobanken der US-National Institutes of Health wiesen die Indikationen der Alzheimer-Krankheit auf - 322 hingegen nicht. Das Team sequenzierte die Spender-DNA, um sich ein Bild der Erbfaktoren zu machen. Auch die Ribonukleinsäure RNA wurde sequenziert. Sie gibt Aufschluss über die Genexpression - also darüber, ob sich die Gene in den Gehirnen von Alzheimer-Patienten anders verhalten als jene in gesunden Denkorganen.

Daten-Analysen helfen, alle Variablen zu untersuchen, die in ihrem komplexen Zusammenspiel Alzheimer verursachen. Dudley und seine Kollegen fahndeten nach Viren in sechs Gehirnregionen, die als besonders anfällig gelten. Bei ihnen beginnt der Alzheimer-bedingte Verfall häufig - und zwar lange, bevor die Krankheit selbst klinisch diagnostiziert wird.

Das Team entdeckte eine hohe Konzentration der menschlichen Herpes-Viren 6A und 7 in diesen anfälligen Arealen der erkrankten Denkorgane. Weitaus niedrigere Konzentrationen fanden sich in gesunden Gehirnen. Das Team konnte auch entschlüsseln, wie das Virus auf krankheitsrelevante Gene wirkt. Ein Vergleich von viraler RNA und DNA mit den gentischen Netzwerken, die mit Alzheimer in Verbindung stehen, zeigt laut den Forschern, dass die Erkrankung von viralen Mechanismen ausgelöst werden könnte.