Zweisamkeit als Notwendigkeit

Überhaupt, betont Burton in seinem Buch, sind sowohl Ehe als auch Monogamie relativ jung: beide wurden erst durch den Übergang zu sesshaften Gemeinschaften bedeutend - vor allem aufgrund der niedrigen Lebenserwartung und hohen Kindersterblichkeit. Auch heute noch ist in vielen Ländern die wirtschaftliche Notwendigkeit der verbrieften Zweisamkeit gegeben. Und es ist nicht außer Acht zu lassen, dass in vielen Staaten so manche Rechte und Pflichten an diesen Status gekoppelt sind, wie die Gesetze zur Gewährung von Aufenthaltsrechten oder Staatsbürgerschaft zeigen.

Doch die Gesellschaft verändert sich. Das zeigen auch die Zahlen: So sank die Heiratsrate in der EU von 7,8 Prozent pro 1.000 Einwohnern im Jahr 1965 auf 4,3 im Jahr 2015, während die Scheidungsrate von 0,8 auf 1,9 Prozent im selben Zeitraum zunahm.

Burton führt viele Gründe für die Zunahme von Scheidungen in Europa an, darunter die steigende Lebenserwartung, zu hohe Erwartungen an die Ehe oder der Konsumismus unserer Kultur. Was die Abnahme der Zahl der Ehen betrifft, so sei der wohl gewichtigste Grund, dass das außereheliche Zusammenleben mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert ist und es Alternativen zur Ehe in Form von eingetragenen Partnerschaften gibt. Und von dieser wird in Großbritannien auch häufig Gebrauch gemacht: Die Zahl der eingetragenen Partnerschaften hat sich dort seit 2010 mehr als verdoppelt - im Unterschied zu Österreich, wo die Einträge seither abnehmen.

Zahlen und Statistiken verwendet Burton leider nur für Großbritannien, wodurch manche seiner Thesen für andere Länder nicht gültig sind. Glücklicherweise machen Zahlen nur einen kleinen Teil des Buches aus. Den Großteil bestreiten philosophische, theologische, biologische, psychologische, historische und soziologische Betrachtungen, die mit einer Vielzahl an Themen verwoben werden, darunter die serielle Monogamie, die  Zukunft der Familie, Polyamorie, Vertrauen, Popkultur oder der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein. Hierbei verweist Burton etwa auf eine im Jahr 2014 in Sciene publizierte Studie, wonach viele Menschen leichte Elektroschocks dem Alleinsein vorziehen würden. Diese soziale Angst, so Burton, wäre mit ein Grund dafür, dass viele Menschen in einer unglücklichen Ehe ein kleineres Übel sehen.

Eine Lebensweisheit

Die Themenvielfalt und die verschiedenen Fachbereiche heben das Buch von den vielen anderen, die es dazu bereits gibt, positiv ab. Dennoch ist diese Vielfalt zugleich auch seine Schwäche. Da der Autor zu viele Themen auf einmal aufgreift, hat nicht alles Hand und Fuß und manche Kapitel sind zu ungenau geraten. Trotzdem lohnt sich die Lektüre. Der Autor vermeidet den Kitsch, der sich bei diesem Thema leicht einstellt, er argumentiert fundiert und schreibt lebensnah. Auch vergisst er dabei nicht auf eine feministische Kritik der Ehe und betont unter anderem, dass ein Sozialstaat auch die Möglichkeit beinhaltet, seinen Bürgern zu ermöglichen, aus dem Korsett von Kirche und Familie zu entweichen.

Soll man heiraten oder nicht? Wer sich durch die Lektüre eine Antwort erwartet, ist schlecht beraten. Stattdessen gibt es gleich am Anfang des Buches ein Zitat von Soren Kierkegaard, das bis zum Schluss mitschwingt: "Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen, heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen; ... Dies, meine Herren, ist aller Lebensweisheit Inbegriff."