Bis zum ersten Geburtstag lernt das Immunsystem, was gut und was böse ist. Danach ist das Mikrobiom fast nicht mehr lernfähig. Bauernhofkinder, die früh Kontakt mit Kühen, Rohmilch oder auch Dreck haben, bekommen weniger Asthma und Allergien als andere. Der Kontakt zu den Allergenen muss im ersten Lebensjahr stattfinden.

Stimmt es, dass Kaiserschnitt-Kinder häufiger Allergien haben, weil sie keinen Kontakt zu den mütterlichen Bakterien im Geburtskanal haben?

Das ist umstritten. Bis vor kurzem war man dieser Meinung. Jetzt nimmt man an, dass diese Effekte eher mit Ernährung zu tun haben. Tendenziell würde ich sagen, dass aber Kinder, die per Kaiserschnitt geboren sind, einen schwierigeren Start haben, weil sie sich die Mikroben erst zusammensuchen müssen. Doch bei all diesen Studien müssen wir zehn bis 20 Jahre warten, weil Mikrobiom-Analysen nicht alt sind und wir die Kinder länger verfolgen müssen.

Haben Organe wie Leber, Niere und Gehirn ein Mikrobiom?

Alles hinter der Darm-Barriere sollte steril sein. Der Körper akzeptiert Mikroben im Darm- und Verdauungstrakt, bis zu einem gewissen Grad in den Atemwegen, und auf der Haut - also auf Organen, die mit der Außenwelt verbunden sind. Blutbahn, innere Organe und Gehirn sollten frei sein von lebenden mikrobiellen Gemeinschaften. Allerdings findet eine Kommunikation statt. Die Mikroben im Darm geben Metabolite ab und lassen so dem Gehirn Information zukommen, ob er sich wohlfühlt oder Blähungen hat. Umgekehrt ist das auch so: Die Darm-Gehirn-Achse wird vom Mikrobiom mediiert.

Für welches Forschungsthema schlägt Ihr Herz am höchsten?

Mein Thema ist das Archaeom. Archaeen zählen zu den Urbakterien. Sie sehen aus wie Bakterien, sind aber komplett anders. Wir haben eine Methode entwickelt, um die Archaeen zu entdecken, zu finden, zu zählen und zu messen. Ihr Reich ist äußerst divers und sie sind ein neuer Puzzlestein in der Mikrobiomforschung.

Welche Funktion haben Archaeen?

Manche sind am Ende der Nahrungskette angesiedelt, vor allem im Darm. Sie verwenden Fermentationsprodukte von Bakterien, etwa Wasserstoff, CO2 und kleine Säuren, um daraus Methan zu machen. Manche Menschen produzieren so viel Methan, dass man es im Atem messen kann. Auf jeden Fall unterstützen die Archaeen im Darm die Stoffwechsel-Aktivität der Bakterien. Ohne sie käme diese Aktivität ins Stocken. Archaeen sind der regulierende Endpunkt des Mikrobioms. Ohne sie hätten wir eine schlechtere Verdauung. Auf der Haut sind sie wohl am Stickstoff-Umsatz beteiligt. Schweiß enthält Stickstoff, der unangenehm riechen kann. Die Archaeen scheinen am Umbau von Stickstoff-Molekülen beteiligt zu sein. Sie helfen dabei, Schweiß abzubauen und besser zu riechen. Vermutlich bräuchten wir gar keine Deos, wenn die Archaeen aktiver bleiben dürften.