Wir sollten sie "asoziale Medien" nennen. Die Menschen sind durch diese neuen Technologien zwar auf der ganzen Welt miteinander verbunden und Nachrichten verbreiten sich in Mikrosekunden. Aber es sind fast immer negative Nachrichten", so Philip Zimbardo.  - © APAweb, AFP
Wir sollten sie "asoziale Medien" nennen. Die Menschen sind durch diese neuen Technologien zwar auf der ganzen Welt miteinander verbunden und Nachrichten verbreiten sich in Mikrosekunden. Aber es sind fast immer negative Nachrichten", so Philip Zimbardo.  - © APAweb, AFP

Wien. Philip Zimbardo, emeritierter Professor der Psychologie an der Stanford University, hat 1971 mit seinem "Stanford Prison Experiment" zur Erforschung menschlichen Verhaltens unter den Bedingungen des "echten" Gefängnislebens, Berühmtheit erlangt. Im Rahmen einer Veranstaltung des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen (BÖP) hält er am 3. September einen Vortrag in Wien.

Beim Stanford Prison Experiment simulierten Psychologen eine Gefängnissituation, in der Versuchspersonen in Gruppen von "Gefangenen" und "Wärtern" aufgeteilt wurden. Beobachtet und geforscht wurde 24 Stunden pro Tag, geplant war zu Beginn eine Laufzeit von 14 Tagen. Schon nach kurzer Zeit nahm das Rollenspiel extrem brutale Formen an: die "Wärter" wurden grausamer, die "Gefangenen" depressiv. Nach wenigen Tagen eskalierte die Situation: Die Gefangenen versuchten eine Revolte, da die Wärter bösartig bis sadistisch agiert hatten.


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Daraus schloss Zimbardo, dass vor allem situative und soziale Faktoren, wie Immunität und Deindividuation, dazu führen können, dass Menschen "böse" handeln und ihre Macht missbrauchen. Auf Intervention der damaligen Psychologie-Absolventin Christina Maslach - Zimbardos späterer Ehefrau - wurde das Experiment bereits nach sechs Tagen vorzeitig abgebrochen.

Zimbardo bezeichnete das Experiment als "Charakterstudie". "Es war möglich, täglich die Charakterveränderungen zu beobachten", sagte er im -Gespräch. "Man sah die Entwicklung des Bösen in einigen Wächtern, die Entwicklung neurotischer Verhaltensweisen in den Gefangenen." Das Experiment wurde immer wieder kontrovers diskutiert. Bis heute hält die Kritik an der Methodologie des Experimentes an, da Zimbardo gleichzeitig Versuchsleiter und "Gefängnisdirektor" war. Bisher gab es mehrere Dokumentationen und zwei Verfilmungen des Stoffes.

Herr Zimbardo, warum haben Sie 1971 das Stanford Prison Experiment initiiert? Woher kam die Idee?

Philip Zimbardo: Vor dem Experiment habe ich mich damit beschäftigt, wie soziale Situationen das individuelle Verhalten beeinflussen. Wir glauben alle gern, dass das, was wir tun, unsere freie Entscheidung ist, auf dem freien Willen basiert - wir tun, was wir wollen. Als Sozialpsychologe wollte ich zeigen, wie eine negative Situation gute Menschen dazu bringen kann, böse Dinge zu tun.