Schon viel früher hatte ich Stanley Milgram kennengelernt, einen kleinen jüdischen Buben, wir waren in der gleichen High-School-Klasse. Das war 1949/50, also nicht lang nach dem Zweiten Weltkrieg. Stanley war immer besorgt, ob es jemals möglich wäre, dass er und seine Familie in den USA in ein Konzentrationslager gebracht werden? Und alle haben gesagt, Unsinn, wir sind nicht diese Art von Menschen, Amerikaner sind doch nicht wie Nazis. Und er meinte: Woher weißt du das, solange du nicht in der Situation bist? Später führte er sein Experiment zu Autoritätsgehorsam durch (1961; Anm.). Die große Frage war, wie weit würdest du gehen?

Ich dachte mir dann, es ist relativ selten, dass dir jemand sagt, du sollst etwas Böses tun. An meiner Studie nahmen gescheite junge College-Studenten aus ganz Amerika teil, alle psychisch und körperlich gesund. Sie wussten, dass es ein Experiment war, kein echtes Gefängnis. Sie haben auch einen Vertrag unterzeichnet, dass sie jederzeit leicht aus dem Experiment aussteigen konnten, wenn ihnen der Stress zuviel wird.

Sie stoppten das Experiment bereits nach sechs Tagen, wie ging es Ihnen dabei?

Zimbardo: Am fünften Abend wollte ich mit Christina Maslach, damals Absolventin, zu Abend essen. Sie kam in den Keller und sah die "Wächter", wie sie die "Gefangenen" beschimpften, Ketten anlegten und ihnen Kapuzen aufsetzten. Sie weinte und sagte: "Ich kann das nicht mitansehen, das ist schrecklich" und rannte hinaus. Sie schrie mich an, hör auf damit, das sind junge Studenten, die leiden, und du bist verantwortlich dafür. Du bist dir selbst deiner Situation nicht bewusst, du bist hier der böse Gefängnisdirektor. Ich dachte, oh Gott, sie hat recht. Am nächsten Tag brachen wir ab.

Glauben Sie eher an das Gute oder Böse im Menschen?

Wir alle haben das Potenzial, gut und böse zu sein. Es kommt wirklich immer auf die Bedingungen an, in denen wir aufwachsen, und auf das Umfeld, in dem wir leben. Es hängt vom sozialen Druck auf uns ab. Ob du in einem Kriegsgebiet oder unter großem wirtschaftlichem Druck aufwächst. Was du tust, um zu überleben - etwa stehlen oder lügen - ist nicht böse, es ist eine Überlebensstrategie. Wenn du aber bei einer wohlhabenden Familie in einem sicheren Land aufwächst, bewegst du dich genau in die andere Richtung. Wir müssen uns der negativen Faktoren einer Situation bewusst sein und versuchen, ihnen vorzubeugen oder sie zu ändern. Und, wenn wir Einfluss haben, positive Bedingungen schaffen.

 Was kann die Ursache oder der Auslöser sein, wenn vermeintlich "unauffällige" Jugendliche töten?

In den USA gibt es durch den Zugang zu Massenvernichtungswaffen einen Unterschied. Wenn ein Teenager in Österreich eine Person tötet, sind es in den USA 20 Todesopfer oder mehr, weil der Täter dort eine Maschinenpistole hat. In den USA werden Schusswaffen seit jeher glorifiziert, das ist Teil der Kultur. Jedenfalls sind solche Schützen nahezu immer jung und männlich. Meistens sind es relativ einsame und isolierte junge Burschen, die kaum Freunde, kaum soziale Bindungen haben. Oft haben sie Depressionen. Manche entwickeln dann Fantasien: Was kann ich tun, um jemand zu sein? Damit die Leute wissen, wer ich bin?