Alice folgt dem davoneilenden weißen Kaninchen, fällt in ein Loch und landet mitten im Abenteuer. Sie wächst und schrumpft. Ein verrückter Hutmacher feiert mit seinem Freund, dem Hasen, und mehreren Teekannen immerfort Nichtgeburtstag. Spielkarten malen die Rosen rot und eine Grinsekatze lässt ihre Streifen am Nachthimmel zurück. In dieser verwirrenden Wunderwelt muss die kleine Alice sich zurechtfinden, ohne die Regeln zu kennen und ohne den Bezug zu sich selbst zu verlieren. Lewis Carroll hat sich für seine Protagonistin keine leichte Aufgabe ausgedacht: In seinem 1865 erschienenen Kinderbuch "Alice im Wunderland" muss sie sich ständig an eine veränderliche Welt anpassen.

Das aktivste Organ

"Aus Sicht der Neurowissenschaften geht es uns allen wie Alice - immerzu, ein Leben lang", erläutert Beau Lotto, Professor für Neurowissenschaften am University College London, in seinem Buch "Anders sehen": "Unsere Gehirne müssen tagtäglich merkwürdige neue Informationen und unvorhersehbare Erfahrungen verarbeiten und dann mit einer nützlichen Reaktion aufwarten. Der einzige Unterschied ist, dass wir dazu nicht erst in ein Kaninchenloch fallen müssen. Wir sitzen von Anfang an ganz tief drin."

Ob trockene Kopfarbeit, körperliche Geschicklichkeit oder einfach nur Spaß - das Gehirn ist das aktivste aller Organe. Vom ersten bis zum letzten Atemzug sortiert es Eindrücke, ob wir wollen oder nicht. Am Anfang ist alles neu: die ersten Sinneswahrnehmungen, die ersten Schritte und Worte, das erste Mal Schwimmen, die ersten Lehrbuch-Inhalte. Nach und nach festigen sich die Erfahrungen, wir lernen Sprache, Farben und Charaktere, die Regeln von Arbeit und Gesellschaft, äußere und innere Werte kennen und ordnen sie ein. Irgendwann tragen wir Erinnerungen wie eine bunte Perlenkette oder einen Schatz in uns und am Schluss denken wir über jede Perle nach.

All das vollzieht unser Gehirn scheinbar ohne Mühen, während es gleichzeitig Bewegungen, Organfunktionen, Reflexe und nicht zuletzt den Herzschlag steuert. Es geht nie über, wird nie zu voll, schenkt nur dem Bewusstsein Schlaf und läuft ansonsten so wie das Herz rund um die Uhr. Die Kommandozentrale ist stabil und doch dynamisch, schafft die Basis im Körper und reagiert doch flexibel, kann Kontrolle ausüben und träumen, registriert das Leben in enormem Detail und behält doch den Überblick.