Der französische Philosoph René Déscartes führte Mitte des 17. Jahrhunderts das Selbstbewusstsein als philosophisches Thema ein. Sein erster Grundsatz, "Cogito ergo sum" oder "Ich denke, also bin ich", beruht auf einer philosophischen Analyse der eigenen Existenz. Selbst wenn keine persönliche Wahrnehmung der Wahrheit entspricht, selbst wenn nirgends bewiesen ist, dass der Stuhl, auf dem man selbst in diesem Moment sitzt, tatsächlich existiert, selbst wenn "wir überhaupt keinen Körper haben", können wir "nicht annehmen, dass wir, die wir solches denken, nichts sind; denn es ist ein Widerspruch, dass das, was denkt, in dem Zeitpunkt, wo es denkt, nicht bestehe."

Netzwerk kann mehr als alle Teile

Das englische Wort "mind" wird ins Deutsche gleichermaßen mit Geist, Seele und Verstand übersetzt. Im Angelsächsischen steht der Begriff jedoch für die Fähigkeit, was wir denken mit dem zu vereinen, was wir innerlich spüren. "Mind" kann mit dem "Nous" der antiken griechischen Philosophie verglichen werden. Es bezeichnet die Fähigkeit, etwas geistig zu erfassen, und die Instanz, die für Erkennen und Denken zuständig ist: das Bewusstsein.

Hirnforschern zufolge beginnt Bewusstsein mit Einzeleindrücken. Der Fachbegriff lautet "Qualia", aus dem Lateinischen für "wie beschaffen". Qualia sind die Grundeinheiten jeder bewussten Erfahrung. Allerdings sehen wir die Brille im Haar nicht als von der Freundin losgelöst, überkommt uns die Überraschung über den Menüwunsch nicht ohne den fünfjährigen Neffen und begleitet schlechtes Gewissen die Sorge über den Vater: Es ist unmöglich, die Qualia getrennt wahrzunehmen. Doch wie entsteht aus ihnen das Erlebnis im Landrestaurant? Laut dem US-Hirnforscher Christoph Koch haben alle Qualia eigene Plätze im Gehirn. Manche Nervenzellen-Netze feuern nur, wenn wir ein bekanntes Gesicht sehen, andere nur bei der Farbe Koralle. Feuernde Netzwerke werden jedoch erst dann zu Bewusstsein, wenn sich die Qualia neu verknüpfen, sich also zu neuen Erfahrungen zusammensetzen.

Nach Ansicht Kochs entsteht Bewusstsein in der Großhirnrinde und breitet sich von dort in andere Gehirnregionen aus. Nervenzellen, die bei Farben, Formen oder Gesichtern aktiv werden, verbinden sich mit Neuronen, die Erinnerungen oder Gefühle bilden und fließen über die Synapsen wieder zurück. Somit erzeuge das Netzwerk im Gehirn mehr Information als die Summe seiner Teile, ist der italienische Hirnforschers Giulio Tononi überzeugt.

Forscher schreiben allen höher entwickelten Tieren Fähigkeiten des Bewusstseins zu. Alle Säugetiere richten ihre Aufmerksamkeit und verwalten ein episodisches Gedächtnis. Dass sich die Evolution für derart komplexe Steuerungszentralen entschieden hat, dürfte daran liegen, dass das Gehirn ein spezialisierter Generalist ist. Es nimmt ständig Sinneswahrnehmungen auf, interpretiert die Umwelt laufend und funktioniert umso besser, je komplexer sein Netzwerk wird, weil es dann die Welt immer klüger bewertet, aber nie zum Fachtrottel wird. Das Gehirn ist für alle Eventualitäten gerüstet.

Das Ich, gefangen im Selbst

Doch diese herausragende Fähigkeit hat einen paradoxen Preis. Sie verunmöglicht die Außensicht auf das Ich. Denn das Gehirn denkt nicht, sondern der Mensch denkt, wie der Psychiater Thomas Fuchs vom Universitätsklinikum Heidelberg betont: Personen, und nicht Neuronenverbände denken, fühlen und handeln.