Wien. (est) Ob es noch ein Glück ist oder der Albtraum schlechthin, muss sich erst weisen: Ein Forschungsteam des Umweltbundesamts (UBA) und der Medizinuniversität Wien hat erstmals Mikroplastik in menschlichem Stuhl gefunden. Es sei das erste Mal, dass Mikroplastik im Menschen nachgewiesen worden sei, sagt Bettina Liebman, Expertin für Mikroplastik-Analysen beim UBA.

Lebensmittelverpackungen aus Kunststoff sind streng getestet, dennoch will niemand Spuren davon im Bauch. - © mumemories/adobestock
Lebensmittelverpackungen aus Kunststoff sind streng getestet, dennoch will niemand Spuren davon im Bauch. - © mumemories/adobestock

Als Mikroplastik werden Plastikteilchen mit einer Größe kleiner als fünf Millimeter bezeichnet. Es wird als Zusatz in Kosmetikprodukten verwendet, entsteht aber vor allem ungewollt durch Zerkleinerung, Abrieb oder Zersetzung größerer Plastikteile in der Umwelt und verbleibt dort über lange Zeit.

Liebmann analysiert, wie viel Mikroplastik in Umweltproben enthalten ist. "Zudem untersuchen wir menschliches Gewebe, Blut oder Urin auf Schadstoffe. Dabei entdeckten wir, dass noch niemand analysiert hatte, ob auch Mikroplastik in den menschlichen Körper gelangt", sagt sie zur "Wiener Zeitung". Im Rahmen einer Pilotstudie wurden die Expertin und Philipp Schwabl von der Klinischen Abteilung für Gastroenterologie der Medizinuni Wien bei acht von acht Probanden fündig. Die Ergebnisse werden am Dienstag beim UEG-Gastroenterologie-Kongress in Wien präsentiert.

Studienteilnehmer waren fünf Frauen und drei Männer im Alter von 33 bis 65 Jahren, die in Finnland, den Niederlanden, Großbritannien, Italien, Polen, Russland, Japan und Österreich leben. Sie führten eine Woche lang ein Ernährungstagebuch und gaben anschließend eine Stuhlprobe ab. Alle Probanden konsumierten in Plastik verpackte Lebensmittel und Getränke aus PET-Flaschen. Die Mehrzahl von ihnen verzehrte Fisch und Meeresfrüchte, niemand ernährte sich ausschließlich vegetarisch. Im Mittel wurden 20 Mikroplastik-Teilchen pro zehn Gramm Stuhl gefunden. "In unserem Labor konnten wir neun verschiedene Kunststoffarten in der Größe von 50 bis 500 Mikrometer nachweisen", sagt Liebmann. Am häufigsten fanden sich PP (Polypropylen) und PET (Polyethylenterephthalat). Analysiert wurde hinsichtlich zehn der weltweit meist verbreiteten Kunststoffe mit Hilfe von Infrarot-Spektroskopie. "Die Partikel nehmen Infrarotlicht auf. Als Resultat krümmen und dehnen sie sich und diese Bewegungen hinterlassen Spuren, die wir sehen können", erklärt Liebmann. Der Ursprung der Plastikpartikel konnte noch nicht festgestellt werden. "Wo Nahrungsmittel in engem Kontakt mit Plastik sind, können Partikel durch Abreibungen im Essen landen", sagt Erstautor Schwabl. Somit sei wahrscheinlich, dass Plastikpartikel im Körper mit Verpackungen zusammenhängen. "Die Bruchstücke könnten jedoch auch von Alltagsgegenständen stammen - wie Zahnbürsten, Schneidbrettern oder Hartplastik-Gegenständen", meint Liebmann.

Nächste Frage: Gesundheit

Direkte Zusammenhänge zwischen dem Ernährungsverhalten und einer Belastung mit Mikroplastik konnten aufgrund der geringen Anzahl der Probanden nicht nachgewiesen werden. "Auch die Auswirkungen der gefundenen Mikroplastikpartikel auf den menschlichen Organismus, insbesondere auf den Verdauungstrakt, können erst im Rahmen einer größer angelegten Studie erforscht werden", betont Schwabl. Ob es ein Glück ist, dass wir Kunststoffe als nutzlos ausscheiden oder ob manche Inhaltsstoffe sich dennoch im Körper ablagern, ist noch offen.

Bei früheren Studien wurde in Tieren die höchsten Mikroplastikkonzentrationen im Magendarmtrakt und Plastikteilchen auch in Blut, Lymphe und sogar in der Leber nachgewiesen. "Obwohl es erste Anzeichen gibt, dass Mikroplastik durch die Begünstigung von Entzündungsreaktionen oder Aufnahme schädigender Begleitstoffe den Magendarmtrakt schädigen kann, sind weitere Studien notwendig, um potenzielle Gefahren abzuschätzen", erklärt Schwabl.

Die globale Plastikproduktion liegt bei 400 Millionen Tonnen pro Jahr. Eine zum Teil erhebliche Konzentration von Mikroplastikteilchen in Trinkwasser aus Plastikflaschen hatte bereits eine US-Studie nachgewiesen.