Zum Glück kann man solche Ängste wieder loswerden. "Gerade bei Spinnenangst ist eine Konfrontationstherapie erfolgversprechend", sagt Oliver Wolf. Mit Unterstützung eines Therapeuten gelingt es vielen Betroffenen schon innerhalb eines Tages, sich den gefürchteten Monstern schrittweise anzunähern, bis sie so ein Tier sogar anfassen oder über ihre Hand krabbeln lassen können.

Verlernen von Angst

Das Problem ist allerdings, dass die Angst später zurückkehren kann. Denn die Therapie löscht verinnerlichte Dogmen wie "Spinnen sind bedrohlich" nicht aus. Vielmehr lernen die Patienten eine neue Lektion, die besagt: "Spinnen sind doch nicht gefährlich - die alte Warnung ist nicht mehr relevant." "Diese beiden widersprüchlichen Informationen stehen dann im Wettstreit", so Wolf. "Und es kann passieren, dass die alte Furcht manchmal die Oberhand gewinnt."

Das Verlernen von Angst ist stark an die Situation gebunden. In der Psychotherapiepraxis kann ein Patient mit einer Spinne keine Probleme mehr haben. Wenn er dann aber eine in seinem eigenen Keller findet, ist das Grauen wieder da. Um die durchaus guten Ergebnisse von Konfrontationstherapien noch weiter zu verbessern, könnte es helfen, die Patienten vor ihrer Behandlung ein wenig unter Stress zu setzen. Die Bochumer Forscher haben nämlich herausgefunden, dass dann das Verlernen von Ängsten unabhängig vom aktuellen Kontext erfolgt.

In einem Experiment haben sie den Teilnehmern zunächst Bilder von einem Büro mit einer Schreibtischlampe gezeigt. Leuchtete diese in einer Farbe, etwa Rot, bekamen die Probanden einen unangenehmen elektrischen Reiz auf der Haut zu spüren. Messungen der Hautleitfähigkeit zeigten, dass sie nach einigen Durchgängen schon ängstlich auf die Farbe reagierten, bevor tatsächlich ein Reiz zu spüren war. Sie hatten gelernt, Rot mit dem Negativ-Erlebnis zu verbinden. Am nächsten Tag musste sich die Hälfte der Teilnehmer zunächst einer stressigen Situation aussetzen: Sie sollten die Hand in Eiswasser halten und wurden dabei gefilmt. Anschließend bekamen sie Fotos der gleichen Lampe gezeigt, die allerdings in einer Bibliothek stand. Diesmal passierte bei rotem Licht überhaupt nichts. Am dritten Tag wechselten sich Lampen-Bilder aus Bibliothek und Büro ab, wieder ohne negative Erlebnisse für die Betrachter.

Die Ergebnisse fielen je nach Stresslevel der Teilnehmer unterschiedlich aus. Zwar lernten alle Beteiligten am zweiten Tag problemlos, dass rotes Licht in der Bibliothek nicht gefährlich war. Doch nur die gestresste Gruppe konnte diese Erkenntnis auch auf den ursprünglich angstauslösenden Büro-Kontext übertragen. "In diesem Versuch sahen wir deutlich, dass Stress das Verlernen von Ängsten fördern kann", sagt Wolf.

"Rot ist doch nicht gefährlich"

Dahinter steckt vermutlich eine Kombination aus zwei Effekten. Zum einen verinnerlichen die Gestressten die neue Information "Rot ist doch nicht gefährlich" besser. Zum anderen können sie ähnlich wie bei einem Prüfungs-Blackout nicht mehr so gut auf früher Gelerntes zurückgreifen - in diesem Fall also auf ihre alte Rot-Angst.

Die Forscher sind optimistisch, dass ihre Erkenntnisse bei der Behandlung von Angstpatienten helfen können. Ein Team um Dominique de Quervain von der Universität Basel hatte bereits gezeigt, dass eine vor einer Konfrontationstherapie geschluckte Cortisol-Tablette bei Menschen mit Spinnen- oder Höhenangst zu einem besseren Therapieerfolg führt. Allerdings kann eine medikamentöse Hormonbehandlung durchaus Nebenwirkungen haben. "Wir denken, dass man einen solchen Erfolg auch ohne Hormongabe erreichen kann", sagt Wolf - und zwar durch den Griff ins Eiswasser.