"Wiener Zeitung": Gravitationswellen entstehen, wenn große Objekte im Universum beschleunigt werden. Sie stauchen und strecken den Raum, die Wellen breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit in alle Richtungen aus und verbiegen ihn. Nachdem Ihr Team im September 2015 erstmals eine beobachtet hatte, wurde eine "neue Ära der Astronomie", eingeläutet. Worin sind wir seither schlauer geworden?

Karsten Danzmann: Es hat sich so ziemlich alles verändert. Zuvor konnte man Himmelskörper nur sehen - entweder mit bloßem Auge, oder mit Teleskopen vom Röntgen- bis zum Infrarotbereich. Jetzt können wir die Schwingungen im kosmischen Raum auch hören. Vor der Gravitationswellen-Messung hatte außerdem niemand mittelschwere Schwarze Löcher so richtig im Plan gehabt. Heute wissen wir zwar immer noch nicht, wie sie entstanden sind, aber wir fangen an, die Bildungsprozesse besser zu verstehen. Wie Sherlock Holmes setzen wir die Puzzlesteine zusammen. Ein richtiger Knüller war es, den Todestanz zweier Neutronensterne (Herbst 2017, Anm.), die sich immer schneller umkreisten und in einem Lichtblitz verschmolzen, zu beobachten. Erstmals haben wir das Aufleuchten eines kosmischen Hochofens verfolgt, in dem schwere Elemente gebacken wurden.

Karsten Danzmann, geboren 1955, ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik in Hannover. Am 14. September 2015 machte sein Team die erste Beobachtung einer Gravitationswelle, die vom Ligo-Observatorium gemessen wurde. Der Pionier der Lisa-Satellitenmission referierte jüngst an der Uni Wien. - © apa/dpa
Karsten Danzmann, geboren 1955, ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik in Hannover. Am 14. September 2015 machte sein Team die erste Beobachtung einer Gravitationswelle, die vom Ligo-Observatorium gemessen wurde. Der Pionier der Lisa-Satellitenmission referierte jüngst an der Uni Wien. - © apa/dpa

Was passierte in diesem kosmischen Hochofen?

Unter anderem wurde Gold vor Milliarden von Jahren in einer Neutronenstern-Verschmelzung gebacken und ins All geschleudert. Irgendwann hat es sich verdichtet und in der Erde verfestigt und jetzt graben wir es aus. Davor wussten wir nicht, woher die zahlreichen schweren Elemente jenseits von Eisen kommen. Lange dachte man, sie seien in Supernova-Ereignissen entstanden, aber das reichte nicht.

Was sagen Gravitationswellen über die Entstehung des Universums?

Das ist der Charme der Gravitationswellen-Astronomie, doch so weit sind wir noch nicht. Mit Lichtmessungen erreichen wir 400.000 Jahre nach dem Urknall. Davor war der Kosmos zu dicht und zu heiß, als dass Licht sich hätte ausbreiten können. Gravitationswellen konnten sich von Anfang an verteilen und sind immer noch da. Wir müssen nur empfindlich genug messen, um den Urknall zu hören, wobei das eine Metapher ist für das ganz frühe Universum. Ob damals ein Knall stattgefunden hat, es still war oder ganz anders, wissen wir nicht. Keine Theorie schließt den Anfang des Univerums ein, wir können es nur über Gravitationswellen-Messungen herausfinden.