Die Natur ist die beste organische Chemikerin insgesamt. Sie hatte auch Millionen Jahre Zeit zu forschen. Selbst in unserem Körper gibt es, wenn wir miteinander reden, pro Sekunde im Gehirn mehrere Milliarden Reaktionen. Das ist unglaublich. Was für eine chemische Maschine muss dieser Körper sein, um die Funktionen, die wir haben, zu ermöglichen.

Und die Evolution bringt Veränderungen der chemischen Vorgänge?

Es findet immer eine bessere Adaptierung an Situationen statt. Viele Rohstoffe werden aus der Natur isoliert, sie sind eine gute Basis. Und je komplexer das Ausgangsmaterial ist, desto vielfältiger kann man damit arbeiten, umso schwieriger ist es aber auch. Ein großes Thema in der Synthese ist die Chiralität. Chirale Moleküle unterscheiden sich nur deshalb, weil sie gespiegelt sind, wie die rechte und die linke Hand. Der Aufbau ist gleich, aber das Verhalten ein anderes.

Ein Beispiel?

Der Naturstoff Limonen, der aus Orangenöl gewonnen wird, enthält chirale Moleküle. Die linkshändige Form riecht nach Zitrone, die rechtshändige nach Orange. In der Chemie müssen wir diese trennen, um reine Substanzen zu erhalten. Werden die Unterschiede bei der Anwendung oder bei der Mischung nicht berücksichtigt, kann das schwerwiegende Folgen haben. Contergan ist ein Beispiel. Auch dieser Wirkstoff (Anm.: Thalidomid wurde als Mittel gegen Schwangerschaftsübelkeit eingenommen und verursachte Schädigungen am Fötus, 1961 wurde dies aufgedeckt) kommt in zwei Formen vor. Die linkshändige war die eigentliche Wirkung, die ebenso enthaltene rechtshändige Form verursachte Schäden bei Kindern.

Welcher Bereich in der Chemie ist für Sie besonders spannend?

Ich möchte Einzelkomponenten für die Parfumindustrie neu erforschen. Das ist mein Traum. Es kommt vor, dass wir im Labor Moleküle entwickeln, die zufällig auch noch gut riechen. Dann versuche ich, Kooperationspartner zu finden, die das tiefer untersuchen. Es wäre cool, wenn eine Freundin ein neues Parfum trägt, das aus meinem Molekül als Schlüsselkomponente aufgebaut wird.

Was bedeutet für Sie persönlich die Auszeichnung "Wissenschafter des Jahres" 2018?

Es ist großartig, denn es gibt nur eine Person im Jahr im ganzen Land, die sie erhält. Für mich ist es, professionell gesehen, vielleicht "the cherry of the top of the cake" (die Kirsche auf dem Sahnehäubchen) für 2018. Das hätte ich nie geglaubt. Ich bin ja erst seit fünf Jahren in Österreich.