Verändertes Brutpflegeverhalten

Auch in anderen Teilen der Welt haben Forscher schon Fälle dokumentiert, in denen Schadstoffe das Hormonsystem und damit auch das Verhalten von Tieren beeinflusst haben. Als 1998 in der Zink- und Bleimine Los Frailes im Südwesten Spaniens ein Damm brach, ergoss sich giftiger Abraumschlamm in den nahegelegenen Fluss Río Agrio, belastete riesige Ackerflächen und bedrohte den Nationalpark Coto de Doñana. Ein Team um Raquel Baos von der biologischen Forschungsstation Estación Biológica de Doñana hat anschließend untersucht, welche Folgen die dadurch entstandene Schwermetallbelastung für die Weißstörche der Region hatte. Je mehr Blei sie im Körper hatten, umso höhere Konzentrationen des Stresshormons Corticosteron fanden sich in ihrem Blut.

Eine Studie an Dreizehenmöwen in der Arktis hat zudem gezeigt, dass Schwermetalle nicht nur die Stressreaktion verändern können. Männchen mit viel Quecksilber im Körper schütteten auch geringere Mengen des Hormons Prolaktin aus, das etwa das Brutpflegeverhalten beeinflusst. Sie brachten weniger Küken durch als unbelastete Artgenossen.

Außer Schwermetallen gibt es noch etliche andere Schadstoffe, die zu Verhaltensstörungen in der Tierwelt führen können. Die Palette reicht dabei von Pilzbekämpfungsmitteln aus der Landwirtschaft bis zu Hormonen aus der Pharmaindustrie. Letztere können massiv dazwischen funken, wenn Froschmännchen mit ihren Balzrufen um Partnerinnen werben. "Man weiß schon länger, dass männliche Geschlechtshormone im Wasser die Tiere zu stimmlichen Höchstleistungen anregen", sagt Werner Kloas vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin. Die interessantere Frage war allerdings, was die weiblichen Pendants dieser Substanzen bewirken. Schließlich finden sich in vielen Gewässern Östrogene aus Anti-Baby-Pillen.

Bei Südamerikanischen Krallenfröschen erlebten die Forscher eine Überraschung. Die Männchen dieser Art haben drei verschiedene Rufe, um beim anderen Geschlecht Eindruck zu schinden. Doch unter dem Einfluss von Östrogenen verändern sich ihre Balzrufe. Und das kommt bei den Adressatinnen gar nicht gut an. Die Männchen sind damit nicht mehr attraktiv genug für die Paarung. Ähnliche Effekte könnte es auch bei den Fröschen hierzulande geben, befürchten die Forscher. Zumal die quakenden Casanovas unter Östrogeneinfluss auch noch die Lust auf Sex verlieren.

Östrogene fördern Änderungen

Für ein solches Fortpflanzungs-Desaster muss das Wasser nicht einmal besonders hohe Hormon-Konzentrationen enthalten. Schon ab 0,3 Milliardstel Gramm Östrogen pro Liter verändern die Krallenfrösche ihre Stimme. Solche Konzentrationen aber kommen in Gewässern schon vor. Das Wasser, das aus Kläranlagen in die Flüsse strömt, kann pro Liter schließlich bis zu 40 Milliardstel Gramm dieser Substanzen enthalten. "Verhaltensänderungen sind also ein extrem sensibler Indikator für hormonelle Umweltbelastungen", sagt Kloas. Wie ein Frühwarnsystem schlagen sie schon bei Konzentrationen an, die bei den betroffenen Tieren noch längst keine körperlichen Veränderungen nach sich ziehen. Man muss nur genau hinschauen. Oder einem Froschkonzert zuhören.