Exeter/Wien. Tricks für die Jagd lernen junge Orcas von ihrer Großmutter. Wie man die nahrhaftesten Nüsse findet und diese mit Steinwerkzeugen geschickt knackt, bekommen junge Schimpansen von ihren Clanälteren beigebracht. Bei den Afrikanischen Elefanten führt die älteste Elefantendame die Familieneinheit für mitunter mehr als drei Jahrzehnte an und gibt damit ihre langjährige Erfahrung bei der Abwehr von Gefahren und Feinden weiter.

Solche Fertigkeiten können in der freien Wildbahn letzten Endes über Leben und Tod entscheiden. Das Wissen darüber kann aber auch im Tierschutz hilfreich sein. Es sei wichtig, zu wissen, welche Überlebensstrategien Tiergruppen anwenden, wie sie kommunizieren, erfolgreich nach Futter suchen und aus unwirtlich werdenden Lebensräumen emigrieren, schreibt ein Forscherteam um Philippa Brakes von der University of Exeter im Fachblatt "Science".

Auf dieses Wissen über kulturelle Eigenheiten und soziale Interaktionen muss bei der Planung von internationalen Schutzmaßnahmen Rücksicht genommen werden, betonen die Wissenschafter. Sie könnten der Schlüssel für eine erfolgreiche Arbeit sein.

Ähnlichkeit mit Genen

Seien es die Flugrouten der Schreikraniche oder die Wanderpfade der Dickhornschafe - die Kenntnisse darüber und deren Berücksichtigung können für die Zukunft der weiteren Generationen der Spezies entscheidend sein. Denn: "Neben den Genen haben auch diese Erkenntnisse einen wichtigen Wert für die Tierwelt. Genauso wie wir genetische Diversität erhalten wollen, müssen wir auch daran arbeiten, diese kulturelle Vielfalt innerhalb der Populationen aufrechtzuerhalten - als Reservoir für Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit", betont Studienautorin Brakes.

Die Bonner Konvention (Convention on the Conservation of Migratory Species of Wild Animals - CMS), ein Übereinkommen zur Erhaltung wandernder und wild lebender Tierarten, die im Jahr 1983 in Kraft getreten und unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen aktiv ist, nehme eine Pionierstellung auf diesem Gebiet ein, heißt es in der Studie.

Sie ist ein Resultat eines von der CMS organisierten Workshops, im Zuge dessen die Expertise vergangener Jahrzehnte zusammengetragen wurde, um Empfehlungen für Strategien zum Tierschutz abgeben zu können. Dabei zeigten die Experten auf, wie wichtig es sei, die Reichhaltigkeit kulturell bedingter Verhaltensweisen mitzuberücksichtigen. So müssten aber auch jene Individuen besonderen Schutz erfahren, die genau dieses Wissen an ihre jungen Artgenossen weitergeben, betonen die Forscher. "Das ist eine unglaublich wichtige Entwicklung", erklärt der Biologe Christian Rutz von der University of St. Andrews.

Aussicht auf Rettung

Noch bis zum Jahr 2020 läuft die UN-Dekade Biologische Vielfalt - eine Initiative der Vereinten Nationen zum nachdrücklichen weltweiten Erhalt der biologischen Diversität. Für die Studienautoren kommen die Erkenntnisse damit genau zum richtigen Zeitpunkt, um auch handeln zu können und an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik zu entscheiden, die richtigen Schritte in einer sich ständig verändernden Welt zu setzen.

Es besteht die Dringlichkeit, Tierkulturen in die Diskussion mit einzubeziehen. Damit bestehe die Aussicht auf Rettung von speziellen sozialen Gruppierungen und damit möglicherweise die Rettung beziehungsweise der Schutz ganzer Populationen.

Das Verständnis darüber, dass auch andere Spezies ein reiches soziales Leben führen und dass sie untereinander wichtige Informationen teilen, eröffne eine unbezahlbare neue Perspektive, so die Forscher.