Wien. Auch Bären kennen komplexe Gesichtsausdrücke. Das ist insofern überraschend, als dass viele Forscher diese Fähigkeit bisher nur Menschen und ihren Verwandten, den Gorillas, zugeschrieben haben. Ein britisches Team der Universität Portsmouth weiß mehr: Es hat Gesichtsmimik erstmals auch bei Mailaienbären, den körperlich kleinsten Mitgliedern dieser Familie, beobachtet.

Der Malaienbär, auch Sonnenbär genannt, wird 120 bis 150 Zentimeter groß. Der Allesfresser lebt in der Wildnis tropischer Regenwälder. Es gilt nicht gerade als geselliger Typ: Außerhalb der Paarungssaison haben einzelne Individuen kaum mit einander zu tun.

Umso überraschender erscheint den Forschenden die Fähigkeit dieser Raubtiere zu im biologischen Sinn komplexer Gesichtsmimik. Marina Davoilla-Ross und Derry Taylor berichten im Fachjournal "Scientific Reports", dass Sonnenbären ähnlich wie Menschen über Gesichtsausdrücke mit ihren Artgenossen kommunzieren. Die Forschenden gehen außerdem davon aus, dass viele Säugetiere zu dieser komplexen sozialen Fähigkeit in der Lage sind und eine soziale Sensibilität besitzen.

"Die Mimik eines Gegenübers zu exakt nachzuahmen, ist eine Säule der menschlichen Kommunikation. Andere Primaten und auch Hunde imitieren einander, aber nur Gorillas und Menschen und nun Sonnenbären tun dies mit Hilfe von einer komplexen Gesichtsmimik", erklärt Davila-Ross in einer Aussendung ihrer Universität. Zusammen mit Taylor hat sie die einzelgängerisch, aber auch spielerisch veranlagten Sonnenbären über einen Zeitraum von zwei Jahren studiert. Die 22 Tiere im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren leben im Bornean Sun Bear Conservation Center in Malaysien in einem Gehege, das groß genug ist, dass sie freiwillig miteinander in Kontakt treten können. Trotz ihres Hangs zu Einsamkeit nahmen die Tiere an hunderten Kampfspielen teil, wobei der Großteil nicht aggressiv, sondern sanft über die Bühne ging. Bei diesen Begegnungen beobachteten die Forscher zwei ausgeprägte Ausdrucksweisen. Bei dem einen wurden die oberen Schneidezähne gezeigt, bei dem anderen nicht. Je sanfter die Spiele liefen, desto differenzierter wurden die Ausdrucksweisen, mit denen die Bären zeigten, dass bereit waren für wildere Spiele oder soziale Bindungen zu stärken.

"Da Sonnenbären weder mit Menschen und Affen noch mit domestizierten Tieren wie etwa den Hunden verwandt sind, gehen wir davon aus, dass auch andere Arten fortgeschrittene Mimiken einsetzen", sagt Davila-Ross. Weitere Studien müssten diese These allerdings noch untermauern. Jedoch deute auch die Tatsache, dass der Sonnenbär in der Wildnis eher alleine lebt, darauf hin, dass diese Fähigkeit in vielen Arten vorhanden sein könnte und auch in der Tierwelt das Zusammenleben erleichtere.

"Allgemein nimmt man an, dass komplexe Ausdrucksweisen nur bei Arten entstehen, die in komplexen Gesellschaften leben. Das ist beim Sonnenbär kaum gegeben. Unsere Studie hinterfragt bisherige Annahmen", betont Taylor: "Auch diese wenig sozialen Bären verständigen sich von Angesicht zu Angesicht auf eine subtil und präzise Art."

Die fortschreitende Abholzung der Regenwälder, Wilderei, die Ausbreitung der Landwirtschaft und die Verwendung der Gallensäure der Sonnenbären in der chinesischen Medizin lassen ihre Zahl weltweit schrumpfen.