Columbus/Wien. Mikroben entscheiden über das Leben. Ohne die winzigen, für das freie Auge unsichtbaren Organismen würde es aus dem Gleichgewicht geraten. Ein US-Team der Ohio State University hat eine Landkarte der Viren in den Weltmeeren erstellt, deren Zahl sich als zehn Mal höher erweist als angenommen.

"Die neue Einsicht zu Ozean-Viren vom Nord- bis zum Südpol, von der Meeresoberfläche bis in 4000 Meter Tiefe, könnte das Verständnis dessen erweitern, wie die See auf den Klimawandel reagiert", betont Studienautor Ahmed Zayed in einer Aussendung zu der im Fachjournal "Cell" publizierten Studie.

Zayed und seine Kollegen analysierten Wasserproben um herauszufinden, ob komplexe Viren die Auswirkungen des Klimawandels abmildern können. Sie untersuchten Populationen und mit Hilfe von Computer-Algorithmen deren genetische Variationen, um mehr über deren Evolution zu erfahren. Im Rahmen der dreijährigen "Tara Oceans Expedition" (2009 bis 2013), bei der mehr als 200 Experten die unsichtbaren Meeresbewohner katalogisierten, zählten das Forschungsteam neben Bakterien, Archeen, Pilzen und winzigen Tierchen auch insgesamt 200.000 Viren.

Den Klimawandel abmildern

Zuvor hatte man angenommen, dass nur 15.000 Erreger die Wasser bevölkerten. Nun aber stellte sich heraus, dass diese sich sogar in fünf ökologische Zonen unterteilen lassen. Das überraschte die Forscher insbesondere aufgrund des fließenden Austausches von Wasser. Sogar in der stark vom Klimawandel betroffenen Arktis, wo die Biodiversität weitaus geringer ist als am Äquator, fanden sie eine breite Viren-Variation.

Laut den Forscher beeinflussen Wasser-Viren die Zusammensetzung aller anderen Mikroorganismen. "Marine Mikroben haben eine profunde Wirkung auf das Leben auf dem gesamten Planeten. Sie erzeugen mehr als die Hälfte des Sauerstoffes, den wir einatmen, und befördern Kohlendioxid aus der Atmosphäre hinunter zum Meeresgrund. Außerdem machen etwa 60 Prozent der Biomasse in den Ozeanen aus", erklärt Ko-Autor Matthew Sullivan: "Ohne Mikroben käme die Welt zum Stillstand: das Land, die Meere und sogar der menschliche Körper." Als Nächstes wollen die Wissenschafter untersuchen, wie das Vorhandensein von Viren sich auf ganze Mikroben-Kolonien ein wirkt. Denn wenn die Erreger die Mikroorganismen anfallen und infizieren, kann dies die Strukturen ihres Zusammenseins so verändern, das ihr Metabolismus steigt. Das könne sogar die Mikroben-Evolution beeinflussen. In den Ozean wird dieser Effekt mit der Fähigkeit, vom Menschen erzeugtes CO2 aufzunehmen, in Verbindung gebracht.