Paris. (est/dpa) Der Mensch ist der Feind der Natur: Eine Warnung auf 1800 Seiten spricht der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) in einem neuen Bericht aus. Die Natur befindet sich in einer Krisensituation - mit verheerenden Konsequenzen für Gesundheit und Wohlergehen. Eine Million Arten könnten aussterben, wenn die Menschheit weiterhin ungebremst nach Wachstum strebt, heißt es in dem bisher umfassendsten Überblick zum Zustand der geschätzt acht Millionen Arten des Planeten, von denen 75 Prozent Insekten sind.

Ob Insekten, Nutztiere, Amphibien, Fische, Korallen oder Regenwälder: Die Einrichtung der Vereinten Nationen reiht beängstigende Fakten aneinander. Der Mensch zerstöre seine eigenen Lebensgrundlagen, heißt es. So viele Arten wie noch nie seien bedroht und die Aussterberate nehme weiter zu. Drei Viertel der Naturräume auf den Kontinenten wurden vom Homo sapiens bereits erheblich verändert, in den Meeren sind es zwei Drittel.

Landwirtschaft, Konsum, Abholzung, Bergbau, Fischerei

Die Wissenschafter nennen Landwirtschaft, Konsum, Abholzung, Bergbau, Fischerei, die Jagd, das Wachstum der Städte, den Klimawandel und mangelnden Naturschutz als Gründe für die Ernsthaftigkeit der Lage. "Wir erodieren die eigentliche Basis unserer Volkswirtschaften, Lebensgrundlagen, Nahrungsmittelsicherheit und Lebensqualität", warnte IPBES-Vorsitzender Robert Watson am Montag.

Die Wissenschafter fordern "tiefgreifende Änderungen" zum Naturschutz - © APAweb/AFP, Joaquin Sarmiento
Die Wissenschafter fordern "tiefgreifende Änderungen" zum Naturschutz - © APAweb/AFP, Joaquin Sarmiento

Der Verlust an Biodiversität sei kein reines Umweltthema, sondern gefährde auch Entwicklung, Wirtschaft, politische Stabilität und soziale Aspekte wie etwa die Flüchtlingsströme. Gravierende Folgen für Menschen weltweit seien inzwischen wahrscheinlich, warnen die Autoren.

Noch sei es aber nicht zu spät für Gegenmaßnahmen, erklärte Watson, "aber nur, wenn wir sofort auf allen lokalen bis globalen Ebenen damit beginnen". Es bedürfe fundamentaler Veränderungen bei Technologien, Wirtschaft und Gesellschaft - Paradigmen, Ziele und Werte eingeschlossen. Die Weltgemeinschaft müsse sich abwenden vom Wirtschaftswachstum als zentrales Ziel und sich nachhaltigen Systeme zuwenden.

Anteil der ausgestorbenen Arten seit 1500 bei Amphibien, Säugetieren, Vögeln, Reptilien und Fischen. - © Grafik: APA
Anteil der ausgestorbenen Arten seit 1500 bei Amphibien, Säugetieren, Vögeln, Reptilien und Fischen. - © Grafik: APA

"Die Biodiversität und die Naturgaben für den Menschen sind unser gemeinsames Erbe und das wichtigste Sicherheitsnetz für das Überleben der Menschheit", erklärte die Argentinierin Sandra Díaz.

Dieses Netz sei jedoch inzwischen bis fast zum Zerreißen belastet. Diaz, Ökologin an der Universität Córdoba, ist neben Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle und dem brasilianischen Anthropologen Eduardo Brondízio Hauptautorin des IPBES-Berichts.

"Die Zerstörung der Artenvielfalt ist ebenso schwerwiegend wie der Klimawandel", betont Watson. In den meisten Lebensräumen auf dem Land ist die Zahl der dort natürlich vorkommenden Arten im Mittel um 20 Prozent geschrumpft, und zwar zumeist seit 1900.

Mehr als 40 Prozent der Amphibien-Arten, fast 33 Prozent der riffbildenden Korallen und mehr als ein Drittel aller marinen Säugetierspezies sind bedroht.

Amphibien, Korallen, Nutztiere und Insekten bedroht

Auch bei Nutztieren schwinde die Vielfalt: Mehr als neun Prozent der als Fleischlieferanten oder Arbeitstiere domestizierten Säugetierrassen seien bis 2016 ausgestorben. Besonders bedroht sind auch die Insekten: Ihre Zahl hat sich in Europa in den vergangenen drei Jahrzehnten bereits um rund 80 Prozent verringert.

"Wir müssen die Lebensqualität in den Mittelpunkt stellen und nicht das Wirtschaftswachstum", sagte Brundizio. Konkret fordern die Experten des IPBES, der oft mit dem Weltklimarat IPCC verglichen wird, eine "nachhaltigere" Landwirtschaft und "effiziente" Fischereiquoten sowie eine Reform öffentlicher Hilfen für den Naturschutz.