Wien. Nur noch ein Drittel der über 1000 Kilometer langen Flüsse weltweit kann ungestört - also ohne Eingriffe wie Staudämme oder Regulierungen - fließen. Der Mensch stört so den Zustand der Flüsse in ihrer Gesamtheit massiv - und damit die Ökosysteme mit der größten Artenvielfalt, berichtet ein Forscherteam, dem der österreichische Gewässerökologe und FWF-Chef Klement Tockner angehört, im Fachblatt "Nature".

Mehr als 300.000 Flüsse mit zwölf Millionen Flusskilometern haben die Forscher um Christiane Zarfl vom Zentrum für Angewandte Geowissenschaften der Uni Tübingen erfasst. Rund 290.000 sind kurze Flüsse mit zehn bis 100 Kilometer Länge, die weitgehend (97 Prozent) noch ungestört fließen.

Je länger die Flüsse werden, desto stärker sind sie vom Menschen beeinflusst. Von den weltweit 246 Flüssen mit einer Länge von mehr als 1000 Kilometern sind 156 "gezähmt", nur 90 fließen unbeeinflusst. Sie beschränken sich auf abgelegene Regionen in Arktis, Amazonas- und Kongobecken. In den dicht bevölkerten Weltregionen wie Nordamerika, Europa und Südasien gebe es nur noch wenige sehr lange, frei fließende Flüsse, etwa den Irrawaddy und den Saluen in Südostasien.

Artenvielfalt schrumpft

Untersucht wurde die Gesamtheit der Flüsse. Die Forscher sprechen dabei von der "Konnektivität" bzw. Vernetzung der Gewässer. Diese umfasst u.a. Überschwemmungsgebiete, Grundwasser und den Stoffaustausch mit verbundenen Biotopen. Dies gilt als Maß für den Zustand eines Flusses, der mit ihm verbundenen Ökosysteme und deren Artenvielfalt. Bei rund der Hälfte aller Flüsse weltweit sei diese Konnektivität gestört.

Die Forscher zählten 2,8 Millionen Dämme und Stauseen von mindestens 1000 Quadratmetern Fläche, die zu einer Fragmentierung des Flusslaufs und teils schweren Auswirkungen auf das ganze Flusssystem führen. 3700 neue Dämme zur Wasserkraftnutzung seien in Planung, etwa in den Balkanstaaten, im Amazonasgebiet und in Asien. In Indien, China und Brasilien sind Bewässerungsvorhaben geplant oder im Bau, wofür Flüsse ausgebaggert oder kanalisiert und Dämme gebaut werden.

Wasserkraft sei "eine erneuerbare, aber keine klima- und umweltneutrale Energiequelle", sagt Tockner, für den die Flüsse "eine der größten Verlierer des Paris-Abkommens" sind, das einen Boom beim Wasserkraft-Ausbau nach sich ziehe. Betrachtet man aber Klimaschutz isoliert, könne das durch die Maßnahmen zu einer massiven Beeinträchtigung der Biodiversität führen. Mit der Studie gebe es nun "eine Grundlage, um Prioritäten setzen zu können, welche Flussabschnitte wir erhalten, wo wir Renaturierungsmaßnahmen setzen müssen", so Tockner. Übergeordnetes Ziel müsse die Erhaltung der letzten frei fließenden Flüsse der Erde sein.