Wissenschaft hat revolutionäre Veränderungen im Verständnis unser selbst und der Natur gebracht, sie ist die revolutionärste Aktivität der Menschheit: Mit diesen Worten laden Sie zum Vortrag des britischen Biochemikers und Nobelpreisträgers Paul Nurse am 5. Juni. Handelt die österreichische Politik so, als wäre sie ebenfalls dieser Meinung?

Ein klares Ja. Die Tatsache, dass das IST, das es vor zehn Jahren nicht gab, heute 40 Top-Grants des Europäischen Forschungsrats hat, ist das allerbeste Beispiel dafür, dass hier wirklich mutige Wissenschaftspolitik betrieben wird. Im "Nature"-Index für Top-Instituten zählen wir zu den "Top Ten Rising Stars" weltweit. Somit sind wir ein Paradebeispiel, dass langfristige, zielgerichtete Forschung in Österreich funktioniert.

Sie sind die einzige Institution in Österreich, wo man so mutig war.

Das sind wir nicht. Österreichs Universitäten haben im letzten Jahr hunderte neue Professoren eingestellt. Kein Mensch zweifelt daran, dass die Uni Wien oder die Akademie der Wissenschaften in zehn Jahren Budgets vom Bund bekommen werden und sie werden nicht kleiner sein als jetzt. Wir waren in der einzigartigen Situation, ein noch unbekanntes Institut mit Spitzenforschern zu füllen. Wir mussten Konkurrenten von etablierten Instituten für die grüne Wiese anwerben und brauchten und brauchen diese langfristige Perspektive.

Wie schwierig ist es, Top-Forscher aus aller Welt zu holen?

Jede einzelne Berufungsverhandlung ist schwierig, weil wir Leute wollen, die andere auch wollen. Der Wettbewerb um die Besten ist besonders stark bei Frauen. Je höher die Position, desto kleiner sind sie in der Zahl und der Wettkampf um sie wird besonders hart geführt. Wir tun unser Bestes, um sie zu berufen, aber es gelingt uns nicht immer. Bei Studierenden liegt der Frauenanteil bei fast 50 Prozent, bei Professuren aber nur bei 17 Prozent. Relativ gesehen stehen die Life Sciences besser da als Mathematik oder Informatik.

Ergeben sich durch eine Historie der fachlichen Exzellenz nicht zwangsläufig auch Spezialisierungen?

Ja, das ergibt sich. Würden wir uns thematisch nur auf großen Zukunftsgebiete wie künstliche Intelligenz oder Quantencomputer konzentrieren, müssten wir mit vielen Institutionen konkurrieren. Ein Geheimnis dieses Instituts ist, genau das nicht zu tun. Etwa haben wir Weltklasse-Pflanzenbiologen, die sich hier auf Pflanzenwachstum spezialisieren. Ähnliches kann man auch etwa über die Mathematische Physik oder die Computergrafik sagen. Dadurch sind wir in Bereichen, die derzeit vielleicht nicht zu den heißen Zukunftsgebieten zählen, sich aber entwickeln könnten, ganz vorne mit dabei.