Linköping/Wien. Langweiliger Job, schäbige Wohnung und Nachbarn, die Zigarettenstummel auf Ihren Klopfbalkon werfen? Wenn Sie das alles in den Saft gehen lässt, denken Sie an Ihren Hund. Was viele Hundebesitzer stets beobachten, bestätigt die Wissenschaft: Haustiere sind keineswegs blind für die Sorgen ihrer Halter. Sie spiegeln sogar den Stress, die diese empfinden. Das berichtet die schwedische Universität Linköping im Fachjournal "Scientific Reports".

Das Forschungsteam wollte herausfinden, wie sich der Lebensstil und der Kontakt mit Menschen auf den Stresslevel von Hunden auswirkt. Ausgangspunkt waren bereits vorhandene Erkenntnisse, dass Individuen derselben Art einander Gemütszustände spiegeln. Etwa existiert ein Zusammenhang zwischen anhaltender Anspannung bei Kindern und Müttern.

Die Verhaltensforscherin Lina Roth wollte wissen, ob etwas Ähnliches auch zwischen den Arten geschieht. Zu diesem Zweck maß sie die Konzentrationen des Stresshormons Kortisol, das im Blutkreislauf zirkuliert und seine Spuren im Haar hinterlässt. Mit der Zeit bindet sich Kortisol im nachwachsenden Haar wie ein biologisches Stress-Protokoll.

Die Freiwilligen waren 25 Border Collies, 33 Shetland Sheepdogs und (um geschlechterbedingte Unterschiede beim Hormonspiegel auszuschließen) ihre weiblichen Besitzerinnen. Alle Hunde lebten mit ihren Halterinnen. Roth und ihre Kolleginnen maßen Konzentrationen von Kortisol in Haarsträhnen, die sie an der Kopfhaut abgeschnitten hatten, sommers wie winters 2017 und 2018. Bei hohen Mengen Kortisol im Menschenhaar fanden sie auch mehr von dem Stresshormon im Hundefell, wobei der Effekt im Winder stärker war als im Sommer. "Eine derartige Übereinstimmung hatten wir noch nie gesehen", betont Roth.

Um der Frage nachzugehen, ob auch der hündische Lebensstil eine Rolle spiele, absolvierte die Hälfte der tierischen Probandinnen und Probanden mit ihren Halterinnen Hundetrainings. In Spielen und Wettbewerben wurden Agilität und Folgsamkeit geübt und getestet. Die andere Hälfte der Tiere lebte als reine Gefährten für ihre Halterinnen. Wie sich zeigte, war der Stresslevel der trainierenden Hunde jenem der Halterinnen noch ähnlicher als bei den reinen Gefährten. Roth erklärt dies mit der Intensität der Bindung, die bei Hundetrainings entsteht. Ein Garten zum Spielen, mehr Zeit mit dem Hund oder das Zusammenleben mit Artgenossen hinterließ keine Spuren im Stressmarker der Hunde, die Persönlichkeit der Halterinnen aber wohl. Am stärksten wirkte sich Neurotizismus aus, allerdings auf unerwartete Art und Weise: Hunde von neurotischen Persönlichkeiten hatten nur zarte Spuren von Kortisol im Haar. Roth geht davon aus, dass solche Besitzer Trost in ihren Haustieren suchen und die Streicheleinheiten die Hunde entspannen. "Ein Hund spiegelt den Stresslevel seines Besitzers oder reagiert auf sein Gemüt", fasst Roth zusammen.

Zuvor hatte James Burkett von der Emory University in der US-Stadt Atlanta nachgewiesen, dass monogame Präriewölfe ihre eigenes Anspannung erhöhen, wenn es ihren Partnern schlecht geht, um diese intensiver zu putzen. "Hunde fühlen sich vom Gemütszustand ihrer Halter betroffen. In diesem Sinne holt die Forschung auf, was Hundebesitzer wissen", sagt Burkett, der an der Studie nicht beteiligt war.