Wien. Der Mensch sieht die Welt mit den Augen. Aus einem Meter Entfernung können sie einen halben Millimeter dünne Linien ausmachen. Um Körperzellen zu beobachten, ist schon ein Mikroskop erforderlich, und um die DNA unter die Lupe zu nehmen, ein größeres Elektronenmikroskop.

Das Erbgut aller Lebewesen besteht ebenso wie alle Stoffe aus noch kleineren Einheiten, den Atomen, die in Rastertunnelmikroskopen sichtbar werden. Um in die Welt der kleinsten Teilchen einzutauchen, aus denen der Kosmos entstand, benötigt der Mensch jedoch die größte Maschine der Welt. Am europäischen Teilchenforschungszentrum Cern bei Genf in der Schweiz werden sie erzeugt und mit Präzisionsinstrumenten gemessen. Die Daten helfen bei der Aufklärung, was nach dem Urknall passierte und wie daraus das Universum, wie wir es heute kennen, entstand.

Eine Ausstellung in der Wiener Aula der Wissenschaften veranschaulicht das Cern anlässlich des 60. Jubiläums der österreichischen Mitgliedschaft. Die aufschlussreiche Schau wurde vom Institut für Hochenergiephysik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) konzipiert. Die ÖAW nimmt das Jubiläum auch zum Anlass für eine Wissenschaftswoche bis 12. September in Wien. In der Reihe "Meet the Universe" thematisieren Forscher die großen Fragen der Physik. Was passierte beim Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren? Woraus besteht der Kosmos und wie könnte er enden?

Einige Antworten konnte das 1954 als Antwort auf die US-Atomforschung im Zweiten Weltkrieg von zwölf Ländern gegründete "Centre Europeen pour la Recherche Nucleaire" bereits liefern. Heute ist es mit 23 Mitgliedstaaten, 2500 Mitarbeitern und einem Jahresbudget von 1,1 Milliarden Euro das weltgrößte Forschungszentrum. Die Mitglieder leisten finanzielle Beiträge abhängig vom Bruttoinlandsprodukt. Österreich ist seit 1959 dabei, beschäftigt 90 Forscher in Genf und beteiligt sich mit 22 Millionen Euro oder zwei Prozent am Gesamtbudget.

Durchbruch mit Higgs-Boson

Der Large Hadron Collider, ein 27 Kilometer langer unterirdischer Ring, ist der größte Teilchenbeschleuniger, mit dessen Hilfe der Aufbau von Materie erforscht wird. In 100 Metern Tiefe werden Protonen auf Fast-Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und zur Kollision gebracht. Die Energien simulieren die Verhältnisse kurz nach dem Urknall. Bei den Zusammenstößen entstehen Teilchen, wie sie am kosmischen Start existierten. Ein Durchbruch wurde im Juli 2012 unter österreichischer Beteiligung in den Detektoren Atlas und CMS durch den Nachweis des Higgs-Teilchens erzielt, das allen Planeten, Stoffen und Lebewesen Masse verleiht. Der Physiker Peter Higgs, der es vorhergesagt hatte, erhielt 2013 den Physik-Nobelpreis.