Der Atlantische Ozean im Relief. - © WikiCommons/www.ngdc.noaa.gov/mgg/image/2minrelief.html
Der Atlantische Ozean im Relief. - © WikiCommons/www.ngdc.noaa.gov/mgg/image/2minrelief.html

New Haven/Wien. Das Strömungssystem im atlantischen Ozean verlangsamt sich aus bisher nicht festgemachten Gründen. Für das Klima in Europa und im Nordatlantik könnte die Entwicklung dramatische Folgen haben. Nun scheint sich Hilfe aus dem Osten anzubahnen, wie Forscher im Fachblatt "Nature Climate Change" berichten. Der Indische Ozean könnte den Turbo wieder anwerfen.

Die sogenannte atlantische (meridionale) Umwälzbewegung, kurz AMOC, besteht aus warmen, nordwärts gerichteten oberflächennahen Strömungen, einem Absinken von Wassermassen in hohen Breiten und tiefen Bodenströmungen am westlichen Rand. Sie ist Teil des globalen ozeanischen Umverteilungssystems für Wärme und Süßwasser. Temperatur- und Dichteunterschiede aufgrund des Salzgehalts halten diese Zirkulation aufrecht. Das Strömungssystem gibt die mitgeführte Wärme zum großen Teil an die Atmosphäre ab und trägt damit zu dem relativ milden Klima Nordwesteuropas bei. Es arbeitet wie ein Aufzug aus Wasser, so die Forscher um Shineng Hu vom Scripps-Institut für Ozeanographie der University of California in San Diego.

Für Tausende von Jahren war dieses System stabil. Doch seit etwa 15 Jahren bereitet es den Forschern Sorge. Computermodelle zeigen, dass sich AMOC in dieser Zeit verlangsamt hat. Ob es sich dabei um einen Effekt der Klimaerwärmung handelt oder eine kurzzeitige Anomalie, ist noch unklar. "Da gibt es derzeit keinen Konsens", so Alexey Fedorov von der Yale University. "Aber die Tatsache sollte nicht ignoriert werden." Für Europa könnte die Entwicklung wesentlich kältere Winter und heftigere Stürme bedeuten, für die Sahel-Zone mehr Dürrezeiten.

Komplizierte Naturphänomene

Für ihre Studie warfen die Autoren einen Blick auf den Indischen Ozean, der sich nach und nach erwärmt. Er gilt als Fingerabdruck der globalen Erwärmung. Doch könnte die Entwicklung im Osten positiven Einfluss auf die Strömung im Atlantik haben, so die Forscher. Wird der Indische Ozean wärmer, nehmen die Niederschläge zu. Das wiederum bringt mehr Luft von anderen Teilen der Erde, auch dem Atlantik, in das östliche Gewässer.

Dort wiederum nehmen die Niederschläge ab, was zur Folge hat, dass der Salzgehalt ansteigt. Es gibt weniger Regenwasser, das für eine Verdünnung sorgt. Wird das salzige Wasser umgewälzt, kühlt es schneller als gewöhnlich ab und sinkt auch schneller in die unteren Schichten.

"Das könnte eine Starthilfe für das Strömungssystem sein und dieses wieder intensivieren", betont Fedorov. Andererseits wissen die Forscher allerdings nicht, wie lange die Erwärmung im Indischen Ozean anhalten wird. Und: Erfahren auch andere tropische Gewässer wie der Pazifik diese Entwicklung, kann es wieder zu einer Verlangsamung von AMOC kommen.

Diese Modelle bringen einmal mehr die komplizierte und vernetzte Natur des globalen Klimas auf den Punkt. Um die sich entfaltenden Effekte des Klimawandels zu verstehen, müssen alle Variablen und Mechanismen aufgedeckt werden, die möglicherweise eine Rolle spielen könnten. "Und dabei gibt es zweifellos noch viele andere Verbindungen, von denen wir noch gar keine Ahnung haben", betont Fedorov.