Diese Daten decken sich mit Entwicklungen, wie sie auch bei Insekten oder Amphibien aufgezeigt werden und stellen eine Bedrohung dar, erklärt Koautor Peter Marra vom Smithsonian Migratory Bird Center. Ein Dominoeffekt könnte in einen Verfall des Ökosystems münden.

Auch Gabor Wichmann sieht die Entwicklung als Zeichen, dass das Ökosystem immer instabiler wird. "Ich vergleiche es mit einem großen Haus aus Bauklötzen. Zieht man einen heraus, bleibt alles noch stabil. Auch beim Zweiten. Doch irgendwann bricht das Ganze zusammen", schildert er bildhaft. Man könne nicht sagen, ob es zum Problem wird, wenn etwa die Feldlerche nur noch zu zehn Prozent vorhanden ist. Doch sei dies jedenfalls als Alarmsignal zu werten.

In den USA ist es heute schon Tatsache, dass Blüten händisch bestäubt werden müssen, so der Experte. Oder Bienenvölker werden von Feld zu Feld gefahren, um ihrer Tätigkeit nachzugehen. "Dort ist das Ökosystem im landwirtschaftlichen Bereich schon zu großen Teilen zusammengebrochen. Das kann bei uns genauso passieren", warnt er.

Zugvögel teilen ihr Schicksal mit den Feldarten - allerdings aus anderen Gründen. Der Klimawandel ist es, mit dem die Langstreckentiere zu kämpfen haben. Temperaturveränderungen in Brutgebieten machen ihnen schwer zu schaffen. Diese führen nämlich zum Beispiel dazu, dass Insekten zu anderen Zeiten ihre höchste Dichte haben, als sie benötigt werden. Kommt der Zugvogel zu spät an, ist das Nahrungsangebot schon reduziert. Auch in ihren Winterquartieren verändert sich die Lage zunehmend. So habe sich die Sahel-Zone ausgedehnt und Feuchtgebiete verschwinden, erklärt Wichmann. "Die Migration der Menschen, die vor Trockenheiten und Dürren fliehen, ist in aller Munde. Den Vögeln ergeht es genauso."

In vielen Gebieten zieht die Raumplanung den Tieren einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Durch die starke Verbauung geht viel Lebensraum verloren. Und: "Auf der restlichen Fläche matchen sich dann Landwirtschaft mit Naturschutz oder Wald mit Naturschutz."

Vor dem Aussterben

Die Blauracke - einer der farbenprächtigsten Vögel Europas - droht in Österreich auszusterben. Das letzte verbliebene heimische Brutgebiet liegt in der südöstlichen Steiermark. Dort werden nur noch ganz wenige Exemplare gesichtet, so Wichmann. Hier stellt sich die Frage, wie sich das überhaupt bestimmen lässt. "Viele interessierte Ornithologen und Mitglieder sind unterwegs und liefern uns die Daten", erklärt der Experte. Bei der Blauracke etwa wird jedes einzelne Individuum gemeldet. Rebhühner werden regelmäßig zur Brutzeit durchgezählt. Viele solcher Programme laufen, um die Bestände überwachen zu können. Seit einiger Zeit arbeitet Birdlife Österreich an einem Brutvogelatlas, der die Verbreitung der Tiere im Land aufzeigen und innerhalb der nächsten zwei Jahre aufgelegt werden soll.

Unter anderem könnte mit einem veränderten EU-Agrarfördersystem gegengesteuert werden, so Wichmann. Derzeit basiere die Auszahlung immer noch darauf, wie viel Fläche jemand besitzt. Gelder sollten aber dort fließen, wo im Sinne des Naturschutzes und der Nachhaltigkeit gearbeitet werde. In Österreich gebe es entsprechende ökologische Fördermaßnahmen. Diese und viele Schutzprogramme würden und könnten - wenn intensiviert - zu einer positiven Entwicklung beitragen.