Wien/Grünau. Singvögel bekommen schon im Ei von ihren Müttern Gesangsunterricht. Ohne akustische Stimulation verkümmern ihre Gehirne, berichtet die Verhaltensforscherin Sonia Kleindorfer anlässlich des "Biologicum Almtal", das sich von 3. bis 6. Oktober dem Thema "Warum wir so sind, wie wir sind" widmet. Ob ganz ruhige Kinderschlafzimmer optimal für die Entwicklung von Babys sind, sei überlegenswert.

Es gibt auf der Welt nur sieben Tiergruppen, die stimmhafte Lautäußerungen beherrschen: Drei Gruppen von Vögeln, deren Vertreter vor 60 Millionen Jahren dies als Erste in der Evolution konnten, sowie Wale, Fledermäuse, Elefanten und Menschen. Kleindorfer, die die Konrad Lorenz Forschungsstelle der Universität Wien in Grünau leitet, untersucht das vokale Lernen und die Kommunikation bei Singvögeln und Graugänsen.

"Bei Singvögeln beginnt der Unterricht pränatal", sagte sie. Die Weibchen singen ihren Eiern beim Brüten den "Bettelruf" vor und die Jungen beherrschen diesen sofort nach dem Schlüpfen. "Auch bei Menschen haben Ultraschallbeobachtungen gezeigt, dass die Embryos die Stimme der Mutter erkennen. Aber nach der Geburt sprechen Babys keinen Satz, während die Küken dies sofort können", erklärt Kleindorfer. Zwitschern ab der Geburt sei erlernt und nicht angeboren. Als sie mit Kollegen die Gelege von zwei Vogelmüttern vertauschte, reproduzierten die Küken die Sprache der Ziehmutter, nicht jene der leiblichen.

Mit Magnetresonanz-Aufnahmen konnten die Forscher belegen, dass bei Eiern, die nicht genügend "pränatale akustische Signale" gehört hatten, die Vogeljungen kleinere und asymmetrischere Gehirne mit weniger Nervenzellen hatten, als ausreichend beschallte und besungene Embryos. "Wir können uns vorstellen, dass dies auch bei Menschen der Fall ist", so die Forscherin. Man solle das akustische Umfeld evolutions- und entwicklungsbiologisch untersuchen.