Mobilität ist alles. Das gilt sogar für Riesenschildkröten. Sogar eine vor 200 Jahren ausgestorbene Gattung bewegte sich auf überraschende Weise zwischen den Maskarenen-Inseln Réunion, Mauritius und Rodrigues im Indischen Ozean hin und her. Damals hatte sie bereits 40 Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte auf dem Panzer.

Obendrein spaltete sich diese Gruppe vor 28 Millionen Jahren in verschiedene Arten auf. Das schließen Christian Kehlmaier und Uwe Fritz vom Museum für Tierkunde der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden in der Zeitschrift "Scientific Reports" aus Erbgut-Analysen aus den Überresten von 19 Tieren. Eine Überraschung, schließlich entstanden die Maskarenen bei Vulkan-Ausbrüchen und sind mit ihrem Alter von zehn Millionen Jahren viel jünger als die Wurzeln der Schildkröten-Gattung Cylindraspis, die einst dort lebte.

Bisher hatten Forscher angenommen, dass die Cylindraspis-Maskarenen-Riesenschildkröten die Inseln erst vor wenigen Millionen Jahren aus Madagaskar, Afrika oder Asien erreicht hatten. Es gab sogar Vermutungen, dass die Tiere von arabischen Kaufleuten mitgebracht wurden. Als später die ersten Holländer dort siedelten, lebten bereits fünf Arten dieser Schildkröten auf den Inseln.

Hotspot vor 66 Millionen Jahren

So schnell aber arbeitet die Evolution normalerweise nicht. Das bestätigten Uwe Fritz und seine Kollegen, nachdem sie das Erbgut aus 10 Knochen und dem Panzer einer kurz vor dem Aussterben gefangenen Schildkröte untersucht hatten. Demnach unterscheiden sich die Maskarenen-Arten stark von allen anderen Landschildkröten. Sie müssen daher eine uralte Gattung sein, die laut Erbgut-Vergleichen seit 40 Millionen Jahren getrennte Wege gehen. Wo aber lag die ursprüngliche Heimat dieser Tiere, wenn doch die älteste Maskarenen-Insel Mauritius erst vor zehn Millionen Jahren und Réunion und Rodrigues erst vor drei Millionen Jahren aus dem Meer auftauchten?

Der Verdacht der Forscher um Uwe Fritz fällt auf einen Hotspot. So nennen Geophysiker eine bestimmte Form von Vulkanismus. Aus einigen 1000 Kilometern Tiefe steigen mächtige Säulen aus zähflüssigem Gestein von etwa 100 Kilometer Durchmesser mit Geschwindigkeiten von wenigen Zentimetern pro Jahr auf.

Erreichen diese Massen nach Jahrmillionen die Erdkruste, fressen sie sich wie überdimensionierte Schweißbrenner durch das Gestein, bis unter dem Meer riesige Lava-Mengen aus dem Vulkan fließen. "Ein solcher Hotspot brach offensichtlich vor rund 66 Millionen Jahren im heutigen Westen Indiens aus", erklärt Walter Joyce von der Universität Freiburg, der an der Studie beteiligt war. Die Mega-Eruption produzierte kilometerdicke Lavaschichten von je 1,5 Millionen Quadratkilometern Fläche.