Wien. Ein tödlicher Käfer, ein vielbesungener Fisch, von Gärtnern geächtete Hügelgräber, markant gurrende Vögel und bedrohte Flechten und Pilze wurden heuer von Naturschutzorganisationen zu den Arten des Jahres gewählt. Die Zeit ist reif, die wunderbaren Arten vorzustellen. Vorhang auf für die "Natur des Jahres 2020":

Spinnenforscher aus ganz Europa haben die Gerandete Jagdspinne (Dolomedes Fimbriatus) zur Spinne 2020 gewählt. Sie gehört zu den größten heimischen Achtbeinern und lebt am Rand stehender oder langsam fließender Gewässer, in Mooren, Auen und auf Feuchtwiesen. Sie jagt Wasserinsekten, Kaulquappen und klitzekleine Fische, indem sie abtaucht.

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Nicht mit Klee verwandt und als Fieber-Medizin nutzlos, kann also quasi nichts für ihren Namen: "Fieberklee" (Menyanthes trifoliata), die Blume des Jahres. Die Loki Schmidt Stiftung will mit der Wahl "auf den dringend notwendigen Schutz der Moore als ihren besonderen Lebensraum aufmerksam machen".

Die Finger-Scharlachflechte (Cladonia digitata) und das Schöne Federchenmoos (Ptilidium pulcherrimum) leben auf der sauren Borke von Nadelbäumen wie Fichten, Kiefern und Tannen, sowie auf Laubbäumen wie Birken und Erlen. Die Bryologisch-lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa (BLAM) ernannte sie zu Flechte und Moos des Jahres 2020, um darauf hinzuweisen, dass diese Arten bedroht sind.

Der Nördliche Stachelseitling (Climacodon septentrionalis) ist "gefährdeter Pilz des Jahres 2020", so die Österreichische Mykologische Gesellschaft. Er kann sich auf Baumstämmen über einen Meter hoch türmen, trägt an der Unterseite die namensgebenden Stacheln und lebt in und auf alten Bäumen.

Der Weiße Rosmarin ist eine Kulturapfel-Sorte (Malus domestica), die aus Südtirol stammt und für die es in Österreich bisher zu kühl war. Durch den Klimawandel ändert sich das aber rasch, und regional auf Streuobstwiesen angebaut wäre der großkronige, langlebige Obstbaum ein potenter CO2-
Speicher, der wenig Wasser verbraucht, so die ARGE Streuobst, die ihn zum "Streuobst des Jahres" ernannte.

Auch ein kleines und großes "gefährdetes Nutztier" wurden für 2020 gekürt. Das größere ist das Zackelschaf.. Die einzigen Schafe hierzulande mit schraubenförmig gedrehten Hörnern, beim Männchen (Widder) werden sie bis zu einem Meter, beim Weibchen (Aue) halb so lang. Das robuste und laut Experten "schmackhafte" Nackthalshuhn ist das kleinere gefährdete Haustier. Einst in der österreich-ungarischen Monarchie beliebt und auch als "Siebenbürgenhuhn" bekannt, gilt es heutzutage trotz "außerordentlicher Widerstandskraft gegen Hitze und Kälte, Frohwüchsigkeit, guter Legeleistung und leichter Mästbarkeit" als "stark gefährdet".

Eine "Hoffnungsträgerin im Klimawandel", die aber so invasiv ist, dass "naturschutzfachlich wertvolle Standorte aktiv vor ihr geschützt werden müssen", wurde vom Naturschutzbund Österreich zum "Neophyt des Jahres" erwählt: die Robinie (Robinia pseudoacacia). Sie gehört wie Erbsen und Bohnen zu den Hülsenfrüchtlern (Fabaceae) und trägt im Frühling süßlich duftende weiße Schmetterlingsblüten, die Bienen und anderen Insekten Nektar bieten.

Das Insekt des Jahres 2020 ist giftig, was sich die Menschen seit 4.000 Jahren im Guten wie Bösen zunutze machten: Der Schwarzblaue Ölkäfer (Meloe proscarabaeus) hat das Reizgift Cantharidin im Körper, das in niedriger Dosis mit Honig als Liebestrank geschlürft, von den alten Ägyptern auf Wehen auslösenden Pflastern verabreicht wurde und im antiken Griechenland für Hinrichtungen diente.

Die bekannteren Arten im Schnelldurchlauf: Der europäische Maulwurf (Talpa europaea) ist Tier des Jahres. Zum Vogel des Jahres wurde die Turteltaube gekürt, zum Reptil des Jahres, die Zauneidechse erwählt. Und der Fisch des Jahres ist die allseits beliebte Bachforelle (Salmo trutta fario). Zu guter Letzt beschließt die diesjährige Liste das Weichtier des Jahres. Mit diesem Titel darf sich ab sofort die Weinbergschnecke (Helix pomatia) schmücken.