Im Kalender ist zwar noch Winter, aber in den vergangenen beiden Wochen lag der Frühling durchaus in der warmen Luft. Doch obwohl die meisten Insekten die Wärme der Kälte vorziehen, schrumpfen ihre Bestände insbesondere bei einem warmen Winter. "Dann haben wir im Lauf des Jahres tendenziell weniger Insekten, Mücken und Zecken, weil diese eher von Schimmel befallen werden. Knackige, kalte Winter sind besser", sagt der deutsche Schmetterlingsforscher Andreas Segerer zur "Wiener Zeitung".

Am Freitag hielt der Schmetterlingsexperte der Zoologischen Staatssammlung München, die 14 Millionen Exemplare beherbergt, und Buchautor einen Vortrag bei einem Artenvielfalt-Symposium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Ihm zufolge ist die Landwirtschaft der größte Feind der Insekten und insbesondere der Schmetterlinge.

Segerer hat einen Atlas aller Schmetterlingsarten in Bayern erstellt. Mithilfe von Bürgern und Sammlern arbeitet er an einer "Checklist der Schmetterlinge", die Teil des Projekts "Barcoding Fauna Bavarica" ist, mit dem Zoologen die bayerische Tierwelt genetisch erfassen wollen. "Die Bestände vieler Schmetterlinge sind dramatisch rückläufig, bei manchen Arten bis zu 90 Prozent", sagt er.

Lebensräume in Gefahr

Früher waren die Blumenwiesen voller leuchtend gelber Zitronenfalter. Heute sind nur noch wenige von ihnen zu sehen. "Dabei ist der Zitronenfalter einer, den man immerhin noch sieht. Andere bekommt man gar nicht mehr zu Gesicht", fährt Segerer fort. Eine Falter-Zählung in Deutschland habe ergeben, dass 346 von ehemals 3300 Schmetterlingsarten im 21. Jahrhundert nicht mehr nachweisbar sind. Österreich ist mit seinen Hochgebirgs-, Auen- und Steppenlandschaften zwar eines der artenreichsten Länder, doch gerade als solches besonders betroffen: Jede dritte Art steht auf der Roten Liste. Schmetterlinge verlieren auch hierzulande zusehends ihre Lebensräume. In tieferen Lagen sind bereits zwei Drittel der Falter verschwunden.

Insekten sterben nicht etwa plötzlich, sondern in einem Auf und Ab. Grafisch ausgedrückt wäre das Verschwinden einer Schmetterlingsart eine Fieberkurve. Schuld sind vor allem die Landwirtschaft und die intensive Bodennutzung, oder wie Segerer es ausdrückt: "Viele Köche verderben den Brei". Denn die Insekten sind an Lebensräume gebunden. Diese Lebensräume verschwinden durch den Einfluss von Pestiziden und den Eindruck von reaktiven Stickstoffverbindungen aus Düngemitteln und Industrieabgasen. "Diese Faktoren sind deswegen so teuflisch, weil sie nicht auf dem Acker verbleiben, sondern sich in der Umwelt verbreiten", erklärt der Zoologe. Pestizide verdriften in alle Lebensräume und bis in die Nahrungskette. Stickstoffverbindungen wiederum verdampfen und fallen mit dem Regen wieder herab. Somit wird nicht nur Ackerland, sondern werden auch ganze Landschaften zu immer nährstoffreicheren Biotopen.

Was in der Landwirtschaft erwünscht ist, killt auf offenen Wiesen die Pflanzenvielfalt und mit ihr die meisten Insekten. Der Kern des Problems: "Früher waren viele Weiden nährstoffarm und damit artenreich, weil Arten um spärliche Ressourcen konkurrieren. Die Natur muss sich unter solchen Bedingungen etwas einfallen lassen und findet zahlreiche Lösungen"; erklärt Segerer. "Jetzt aber werden die Teller voller. Die meisten Arten aber ertragen den Nährstoffreichtum durch den Cocktail an chemischen Stoffen nicht."

Schmetterlingsraupen bekommen Durchfall und gehen ein. Bestäuber erkennen ihre Nahrungspflanzen nicht mehr, weil der Dünger ihren Duft verändert, und legen ihre Eier dort nicht mehr ab. Pflanzen, die Stickstoff-Verbindungen nicht vertragen, verschwinden. An ihre Stelle treten Brennnesseln oder Gräser. "Aus einem artenreichen Biotop wird eine grüne Wüste mit Gras und Löwenzahn. Die Schmetterlinge, die das alles überleben, erleben einen lokalen Klimawandel: Früher war ihr Lebensraum sonnig und offen, heute wachsen Grashalme wie ein Hochwald. Es wird feuchter, kühler und schattiger. Viele überleben das nicht."

Schon seit den 1950er Jahren gehen die Schmetterlingsbestände zurück. Was passieren würde, wenn alle 160.000 Arten verschwänden, weiß niemand. "Jede Insektenart hat ihre Funktion, aber wir wissen nicht, welchen Beruf jede im ökologischen Kreislauf ausübt. Vermutlich aber erhalten dominante Arten die Funktion", sagt Segerer.

Schmetterlinge sind Bestäuber für Pflanzen und Beutetiere für Spinnen, Wespen, Fledermäuse und Spitzmäuse. "Wenn es den Schmetterlingen schlecht geht, geht es vielen Insekten ebenfalls schlecht", erklärt der Experte: Die Falter seien ein Gradmesser für die Qualität der Umwelt. Und um die sei es schlecht bestellt. "Der Klimawandel ist in der Politik angekommen, doch diese komplexe Problematik noch nicht", warnt Segerer: "Beim Verlust an Artenvielfalt und bei der Überfrachtung der Erde mit Nährstoffen haben wir die planetaren Grenzen erreicht. Wenn die Welt keine Kehrtwende einschlägt, werden wohl nur die Schädlinge, Parasiten und Stechmücken überleben."