Weniger Insekten auf der Windschutzscheibe – das viel propagierte weltweite Insektensterben wird zumeist mit diesem Phänomen in Verbindung gebracht. Wie die bislang größte weltweite Zusammenstellung von Langzeitstudien zur Insektenhäufigkeit nun zeigt, entspricht das Bild der Realität. Im Durchschnitt ist ein Rückgang von 0,92 Prozent pro Jahr zu verzeichnen. In einem Zeitraum von 30 Jahren geht damit ein Viertel dieser Lebewesen verloren. Dabei handelt es sich allerdings nur um am Land und in der Luft lebende Tiere, betont ein deutsches Forscherteam im Fachblatt "Science". Denn die Zahl der im Süßwasser beheimateten Insekten wie Mücken und Eintagsfliegen hätten im Gegensatz dazu um 1,08 Prozent zugenommen.

Im Jahr 2017 hatte ein Bericht über Naturschutzgebiete in Deutschland für Aufsehen gesorgt. Demzufolge konnte man mit einem Rückgang der Biomasse fliegender Insekten um rund 75 Prozent innerhalb von 27 Jahren rechnen. Seitdem gab es mehrere Folgepublikationen von verschiedenen Orten weltweit, von denen die meisten starke Rückgänge zeigten, andere weniger und einige sogar Zuwächse. Nun wurden diese Daten erstmals kombiniert.

Die Gehörnte Mauerbiene, eine Wildbienenart, ist noch relativ häufig vertreten. - © Deutsches Zentrum für Integrative Biodiversität/Gabriele Rada
Die Gehörnte Mauerbiene, eine Wildbienenart, ist noch relativ häufig vertreten. - © Deutsches Zentrum für Integrative Biodiversität/Gabriele Rada

Die neue Studie bestätigt das Phänomen der Windschutzscheibe zumindest im Durchschnitt. "Viele Insekten können fliegen, und es sind diejenigen, die von Windschutzscheiben zerschlagen werden. Unsere Analyse zeigt, dass fliegende Insekten tatsächlich im Durchschnitt abgenommen haben. Die Mehrheit der Insekten ist jedoch weniger auffällig und lebt außer Sicht - nämlich im Boden, in Baumkronen oder im Wasser", betont Jonathan Chase von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Die Zahl der Wasserläufer ist gestiegen. - © Deutsches Zentrum für Integrative Biodiversität/Oliver Thier
Die Zahl der Wasserläufer ist gestiegen. - © Deutsches Zentrum für Integrative Biodiversität/Oliver Thier

Daten von 1676 Standorten

Für diese Sammlung analysierten die Forscher auch Daten aus vielen dieser verborgenen Lebensräume. Diese zeigte, dass heute im Durchschnitt weniger Insekten im Gras und am Boden leben als früher - ähnlich wie bei den fliegenden Insekten. Im Gegensatz dazu ist die Anzahl der in Baumkronen lebenden Tiere im Durchschnitt weitgehend unverändert geblieben.

Die Forscher haben für ihre Studie Zahlenmaterial aus 166 Langzeiterhebungen , die zwischen 1925 und 2918 an 1676 Standorten weltweit durchgeführt wurden, zusammengetragen. Die Rückgänge geschehen auf leisen Sohlen, stellen sie fest. "Insektenrückgänge treten auf eine ruhige Art und Weise auf. Wir nehmen das nicht von einem Jahr zum nächsten zur Kenntnis. Es ist, als würdest du an den Ort zurückkehren, an dem du aufgewachsen bist. Nur, weil du seit jahren nicht mehr dort warst, merkst du plötzlich, wie viel sich verändert hat - und allzu oft nicht zum Besseren", erklärt Studienautor Roel van Klink vom Deutschen Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung.  Der Anstieg in den Gewässern sei möglicherweise auf wirksame Wasserschutzrichtlinien zurückzuführen.

Grundlage für Insektenschutz

Obwohl die Wissenschafter nicht genau sagen können, warum solche Trends - sowohl negative als auch positive - auftraten, konnten sie zumindest auf Möglichkeiten verweisen. Vor allem stellten sie fest, dass die Zerstörung natürlicher Lebensräume - insbesondere durch Urbanisierung - mit dem Rückgang terrestrischer Insekten verbunden ist. Auch andere Berichte hatten schon festgestellt, dass Landnutzungsänderungen und die Zerstörung von Lebensräumen eine Hauptursache für  globale Veränderungen der biologischen Vielfalt sind.

Die neue Studie kann als Grundlage herangezogen werden, um zu sehen, wo Insektenschutz am dringendsten benötigt wird, betonen die Forscher.