Mehr als 600 Zecken pro 100 Quadratmeter: So viele werden den Prognosen der Veterinärmedizinischen Universität Wien  zufolge für das heurige Jahr bei monatlicher Sammlung erwartet. Das sei ein absoluter Höchststand, sagt der Epidemiologe und Klimatologe Franz Rubel vom Institut für Öffentliches Veterinärwesen zur "Wiener Zeitung".

Im Vorjahr seien es 463 Zecken gewesen und im Jahr davor 422 Zecken pro 100 Quadratmeter - im vergangenen Jahrzehnt sei die Zeckendichte generell um ein Drittel gestiegen. Die Prognosen basieren laut Rubel auf einem mathematischen Modell, das man anhand von Zeckenbeobachtungen aus Süddeutschland von 2009 bis 2016 entwickelt habe. Weil der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus), wie die in Mitteleuropa häufigste Zeckenart heißt, einen überregionalen Trend zeige, könne man die Daten aus Deutschland gut auf Österreich umlegen. Bisher hätten sich die Prognosen auch stets bestätigt.


Links
Veterinärmedizinische Universität Wien
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Mehr Wirte, mehr Larven

"Man kann das wunderbar vorhersagen, weil eine Zecke einen Zyklus vom Ei bis zur ausgewachsenen Zecke durchläuft, der bis zu fünf Jahre lang dauert", sagt Rubel. Am Anfang dieses Zyklus steht ein Zecken-Weibchen, das rund 1000 Eier legt. Aus diesen schlüpfen Larven, die sich zu Nymphen entwickeln, bevor sie sich ein letztes Mal häuten und ausgewachsen sind. Larven sehen ihren älteren Pendants ähnlich, sind aber um einiges kleiner und haben sechs statt acht Beine. Jedes Stadium braucht eine Blutmahlzeit -allerdings an unterschiedlichen Tieren.

Während Larven noch kleine Säugetiere wie Mäuse oder Igel als Wirte bevorzugen, graben sich Nymphen und ausgewachsene Tiere mit ihrem Stechrüssel in Wildschweinen, Rehen oder Menschen fest. Hier schließt sich der Kreis - und zwar in zweierlei Hinsicht: "Weil die Bäume vor zwei Jahren im Herbst viele Früchte getragen haben, gab es im Vorjahr viele Mäuse, die sich davon ernährten. Wir hatten eine richtige Mäuseplage", so Rubel. Auf diesen Mäusen fanden auch viele Zeckenlarven Platz, die sich heuer zu Nymphen und Adulten entwickelt haben. Dass von den 1000 Eiern einer Zecke oft nur eines das Erwachsenenstadium erreicht, sei unter anderem einem Mangel an Wirten geschuldet - diesen gab es im Vorjahr nun nicht.

Daraus kann man laut Rubel Rückschlüsse ziehen und bereits im Vorhinein davon ausgehen, dass sich viele Larven weiter entwickeln konnten. Und - und das ist der zweite Zusammenhang zwischen Mäusen und Zecken: Das Frühsommer-Meningoenzephalitis-Virus (FSME-Virus), das Hirnhautentzündung hervorruft, sowie Borrelien (Bakterien) vermehren sich hauptsächlich in kleinen Säugetieren wie Mäusen und gelangen durch infizierte Zecken in den Menschen.

Klimawandel verantwortlich

Dass die Zeckendichte generell zunimmt, sei dem Klimawandel geschuldet. "Wenn Bäume unter Trockenstress leiden, bilden sie viele Früchte aus", sagt Rubel. Während das früher alle fünf bis sieben Jahre der Fall gewesen sei, hätten sich die Abstände zwischen diesen sogenannten Mastjahren mittlerweile auf zwei Jahre verkürzt. Außerdem überlebten durch die milden Winter mehr Larven, ergänzt der Parasitologe Georg Duscher von der Vetmeduni Wien. Heuer habe die Zeckensaison dadurch extrem früh - bereits im März - begonnen.

Mit der steigenden Anzahl an Zecken nehmen freilich auch die Meldungen über FSME-Erkrankungen zu. Gab es 2007 nur 46 Fälle, waren es 2012 bereits 52, im Jahr 2018 relativ viele mit 154 und 2019 schließlich 108 Erkrankungen. Für heuer hat Rubel 142 plus/minus 26 Fälle vorhergesagt, es könnte somit ein Rekordjahr an FSME-Fällen geben. Dass jemand an einer Hirnhautentzündung stirbt, ist selten und meist im einstelligen Bereich.

Die Durchimpfungsrate in Österreich liegt in den vergangenen Jahren konstant hoch bei 82 Prozent. Gegen FSME, dessen Virus mit dem Stich der Zecke sofort übertragen wird, hilft nur die Impfung, es gibt keine Therapie. Zwei Drittel der Erkrankten leiden laut Florian Thalhammer von der MedUni Wien an Langzeitschäden wie Lähmungen sowie Schluck- und Sprachstörungen.

Bei der Borreliose ist das anders. Die Übertragung dauert laut Thalhammer rund 36 Stunden. Entfernt man die Zecke in dieser Zeit (am besten mit einer Pinzette ohne Drehung herausziehen), kann eine Infektion vermieden werden. Symptome einer Borreliose sind ein roter Ring um den Einstich und grippeähnliche Beschwerden. Sie verläuft in drei Stadien und wird mit Antibiotika behandelt. Eine Impfung dagegen gibt es nicht.

Die Borreliose ist die häufigste durch Zecken übertragene Erkrankung in Europa und kommt genauso wie FSME in ganz Österreich vor. Die Anzahl der Fälle ist schwierig zu zählen, weil Borreliose nicht meldepflichtig ist. Es kursieren jedoch Schätzungen von rund 50.000 Neuerkrankungen pro Jahr.

Neue Erreger möglich

Für die Zecken wird es ein gutes Jahr. apa/dpa/ Martin Gerten - © APA/dpa/Martin Gerten
Für die Zecken wird es ein gutes Jahr. apa/dpa/ Martin Gerten - © APA/dpa/Martin Gerten

Aber auch neue Erreger, übertragen durch eine neue, große Zeckenart mit geringelten Beinen, dürften dazugekommen sein: Die tropische Riesenzecke (Hyalomma sp.), die immer häufiger gesichtet wird, kann laut Duscher Zeckenfleckfieber oder des Krim-Kongo-hämorrhagische Fieber übertragen. Während Letzteres tödlich enden kann, heilt Ersteres bei rechtzeitiger Behandlung mitunter folgenlos ab. Impfungen gibt es dagegen nicht. In Österreich wurden bisher allerdings noch keine Übertragungen dieser Art gemeldet.

Der Grund, warum die tropische Riesenzecke nun auch bei uns vorkommt, ist ebenfalls die Klimaerwärmung: Die Nymphen werden vermutlich im Frühjahr mit den Zugvögeln aus dem Süden nach Österreich gebracht. Sie fallen zu Boden und können sich nur dann weiterentwickeln, wenn es warm genug dafür ist.