In den vergangenen drei Jahrzehnten hat Australiens berühmtes Great Barrier Reef die Hälfte seiner Korallendecke verloren. Durch die Effekte des Klimawandels und die Erwärmung der Meere bleichen die Nesseltiere aus und sterben. Doch manche Riff-Abschnitte überleben, denn die Korallen passen sich an die neuen Bedingungen an. Ein US-Team der Columbia University in New York hat so etwas wie ein Fenster geöffnet, durch das es der Evolution bei der Arbeit zuschauen kann.

Mit Hilfe von genetischer Sequenzierung haben die Forschenden zahlreiche kleine, aber entscheidende Unterschiede der Selektion bei Korallen nachgewiesen. Wenn sich herausfinden ließe, welche genetischen Stränge sich besser an die Erwärmung der Meere anpassen, wäre es möglich, mit neuen Methoden die Riffe zu schützen, erklärt das Team im Fachmagazin "Science". Bestimmte genetische Prozesse würden es manchen Korallen ermöglichen, den Auswirkungen von dramatischen Klimaveränderungen zu widerstehen, betont Erstautor Zachary Fuller: "Das vollständig kartierte Genom der Korallen ermöglicht es uns, Variationen der Resilienz und damit jene Artenvertreter auszumachen, die höhere Temperaturen ertragen."

Korallenriffe im Tropengürtel zählen zu den artenreichsten und wertvollsten Ökosystemen. In den Nesseltier-Kolonien leben tausende Meerestiere. Sie schützen Küsten vor Stürmen, Überschwemmungen und Erosion, nützen der Fischerei und ziehen Touristen an. Seit den 1990er Jahren erwärmen sich aber die Ozeane. Die höheren Temperaturen zerstören die symbiotische Beziehung zwischen den Korallen und den bunten, Photosynthese betreibenden Algen, die auf ihnen leben und sie ernähren. Wenn die Algen verschwinden, verhungern die Nesseltiere. Sie bleichen aus. Riffe können sich wieder erholen, aber wenn der Umweltstress andauert, können sie sterben.

Fuller und seine Kollegen haben erforscht, welche Korallenarten höhere Wassertemperaturen eher aushalten und seltener ausbleichen. "Wir untersuchen die genetischen Unterschiede, die ein Überleben ermöglichen, um den Riffen das Leben zu erleichtern", wird Molly Przeworski vom Department für Systembiologie der Columbia University in einer Aussendung zur Studie
zitiert.

Zusammen mit dem Australischen Institut für Marine Forschung hat das Team 237 Proben analysiert, die es zwölf Orten am Barrier Reef entnommen hat. Das Ergebnis seien die Korallen-Sequenzen von der höchsten Qualität bisher. Das Genom der Tiere prüften die Forscher auf Signaturen der Anpassung und Variationen, die die Bleiche verhindern. "Kein einzelnes Gen ist verantwortlich. Sondern es verhindern viele genetische Merkmale, dass eine Koralle ausbleicht", betont Fuller. "Für sich genommen hat jedes Merkmal nur einen kleinen Effekt, aber wenn man sie alle zusammenzählt, kann man anhand essen sagen, ob eine Koralle die Fähigkeit hat, in wärmeren Ozeanen überleben zu können."

Mit dem Zugang ließe sich auch für andere Arten, ein Zeitfenster öffnen. Ein Ersatz für Maßnahmen gegen den menschengemachten Klimawandel sei er aber nicht.